Du betrachtest gerade LEPER COLONY – Dreck, Wucht und die Liebe zum Death Metal

LEPER COLONY – Dreck, Wucht und die Liebe zum Death Metal

  • Beitrags-Autor:

Mit „Back To Primal Sludge“ setzen LEPER COLONY ihren Weg dampfwalzig fort und liefern erneut eine ordentliche Ladung dreckigen Old School Death Metal. Die Mischung aus amerikanischer und schwedischer Schule sitzt für mich wieder richtig gut, dazu kommen fette Grooves, infernalische Growls und jede Menge kernige Riffarbeit. Nach „Leper Colony“ und „Those Of The Morbid“ wirkt das neue Album noch stärker auf den ursprünglichen Death-Metal-Sound fokussiert, ohne dabei auf Abwechslung zu verzichten. Im Gespräch spricht Marc Grewe über die Entstehung der Platte, seine persönlichen Death-Metal-Wurzeln, die Entwicklung des LEPER-COLONY-Sounds, seine Vocals, die Zusammenarbeit mit Marc Wüstenhagen und Håkan Stuvemark und natürlich darüber, warum bei LEPER COLONY auch künftig wieder etwas mehr Thrash durchkommen könnte.

Tobias:
Hallo Marc! Mit „Back To Primal Sludge“ steht bereits das dritte LEPER-COLONY-Album in den Startlöchern. Nach „Those Of The Morbid“ habt ihr für mich noch einmal eine ordentliche Schippe Dreck und Wucht draufgelegt. Was habt ihr denn angepasst oder anders gemacht?

Marc Grewe:
Hi Tobi! Wir haben eigentlich nur konsequent dort weitergemacht, wo wir mit „Those Of The Morbid“ aufgehört haben. Ehrlich gesagt machen wir uns gar nicht so viele Gedanken darüber, wie etwas zu klingen hat. Ich glaube, wir haben beide über die Jahrzehnte genug Erfahrung gesammelt, um relativ spontan gute Death-Metal-Songs zusammen zu kreieren.

Tobias:
Euer Ziel war von Anfang an, die amerikanische und schwedische Schule des Old School Death Metal miteinander zu verbinden. Auf „Back To Primal Sludge“ wirkt diese Mischung für mich noch konsequenter. Was fasziniert dich persönlich an diesen beiden unterschiedlichen Spielarten und was macht für dich den perfekten LEPER-COLONY-Sound aus?

Marc Grewe:
Na ja, beide Spielarten sind sozusagen in unserer beider DNA verwurzelt. Bei Rogga durch seine schwedische Herkunft und musikalische Sozialisation ja quasi von Kindesbeinen an und bei mir ist es so, dass ich Mitte der 80er erstmals mit den US-amerikanischen Death-Metal-Bands groß geworden bin. Die wurden damals übrigens noch nicht unter dem Banner „Death Metal“ veröffentlicht. Bands wie POSSESSED, die ersten MANTAS-Demos und vor allem „Scream Bloody Gore“ von DEATH waren für mich neben britischem Punk wie HERESY, CONCRETE SOX und NAPALM DEATH die ersten Bands, die einfach extremer waren als der Thrash Metal, den man zuvor gewohnt war.

Genau solche frühen Einflüsse führten natürlich auch zur Gründung von MORGOTH. Nachdem wir mit dem MORGOTH-Demo „Pits Of Utumno“ endlich etwas zum Tauschen hatten, ging es natürlich los. Hier war vor allem das Slayer Mag aus Norwegen die absolute Bibel, um mit skandinavischen Bands Tapes zu tauschen. Das war dann ab 1987/1988 der Fall. Insofern sind beide Spielarten, seit ich ungefähr 16 oder 17 bin, meine deathmetallische musikalische Früherziehung, hehe. Dazu kommt natürlich der ebenso frühe deutsche, räudige Thrash Metal aus dem Ruhrpott.

Tobias:
Wenn man eure drei Alben miteinander vergleicht, fällt eine klare Entwicklung auf: Auf dem Debüt waren noch deutliche Thrash-Einflüsse zu hören, auf „Those Of The Morbid“ wurden diese bereits zurückgefahren und jetzt geht es noch stärker zurück zum ursprünglichen Death Metal. War diese Entwicklung von Anfang an geplant oder hat sich das einfach aus dem gemeinsamen Songwriting ergeben?

Marc Grewe:
Also, auf dem Debütalbum waren die Gitarren von Rogga noch einen Halbton höher gestimmt, was den deutlichen Thrash-Appeal ausmacht. Auch das Songwriting war noch ein wenig „ruppiger“. Ich fand das ganz cool, weil es wirklich so eine Brücke zu meinen frühen Thrash-Faves geschlagen hat: frühe KREATOR, SODOM und auch frühe SEPULTURA. Danach ging es dann deutlicher in die Death-Metal-Richtung, aber ich könnte mir vorstellen, beim nächsten Album mal wieder so etwas verstärkt mit einzubeziehen. Mir macht beides Spaß und ich fühle mich in beiden Welten zu Hause.

Tobias:
Schon der Titel „Back To Primal Sludge“ ist ein ziemlich klares Statement. Für mich ist der Name tatsächlich Programm: roh, dreckig, räudig und ohne unnötigen Schnickschnack. Wie ist dieser Titel entstanden und warum war er für euch der perfekte Name für das dritte Album?

Marc Grewe:
Genau so ist das. Wir machen uns beim Songwriting nicht zu groß einen Kopp, es soll einfach ballern und eine gewisse Eingängigkeit haben. Wir haben auch diesmal nur drei Gitarrensoli auf dem Album, weil es unserer Meinung nach nicht mehr gebraucht hat, was, denke ich, durchaus für gutes Songwriting spricht, wenn man so etwas wie Soli gar nicht groß vermisst. *zwinkert

Tobias:
‚Madness Is A Kingdom‘ eröffnet das Album mit voller Wucht und für mich schreit die Nummer geradezu nach einer Growl-Maschine wie dir am Mikrofon. Was macht einen guten Opener für dich aus und wie wichtig ist es, dass ein Song den Hörer vom ersten Moment an packt?

Marc Grewe:
Ich liebe einfach geile, einprägsame Refrains, die aber nicht klischeehaft und kitschig wirken dürfen. Genau das hat ‚Madness Is A Kingdom‘. Ich glaube, man hat den Track nach einmaligem Hören durchaus schon im Ohr und kann ihn mitgröhlen. Genau das macht einen guten Opener aus. Er muss dich direkt bei den Eiern packen!

Tobias:
‚These Blades‘ wurde als Single ausgekoppelt und bringt für mich das Gleichgewicht zwischen amerikanischem und schwedischem Death Metal besonders gut auf den Punkt. Gleichzeitig hat der Song diesen dreckigen Groove, der sofort hängen bleibt. Warum war gerade dieser Track der richtige Vorgeschmack auf das Album?

Marc Grewe:
Ich würde sagen, hier kommt durchaus unsere gemeinsame Liebe zu punkig-crustigen Bands zum Vorschein. Eine relativ simple Nummer, die aber auch im Ohr bleibt …

Tobias:
Mit ‚Seelenjäger‘ geht ihr deutlich stärker in langsamere und groovigere Gefilde. Gerade diese unterschiedlichen Tempi machen das Album für mich abwechslungsreich, ohne die Brutalität herauszunehmen. Wie wichtig sind dir Groove und Tempowechsel innerhalb eines Death-Metal-Albums?

Marc Grewe:
Ich finde, Abwechslung auf einem Album ist wichtig. Nur durchballern ist auch nicht unbedingt das, worauf ich stehe. Ich mag Blastbeats als Abwechslung und Stilmittel in einem Song, aber stetiges Durchgeblaste und dabei eine Atmosphäre zu schaffen, gelingt meiner Meinung nach nur einigen wenigen Bands. Wir würden definitiv nicht dazu gehören, denn es ist nicht unbedingt unsere beider musikalische Sozialisation. Dennoch ist mal ein echter Blastbeat nicht zu verachten und lockert Songs auf, gerade dann, wenn danach wieder ein Hook kommt, der im Ohr bleibt. Ich war zunächst nicht sicher, ob ich den Song wirklich mit einem deutschen Titel singen wollte, aber ich glaube, gerade textlich passt dieses Wort sehr gut und bleibt hängen.

Tobias:
Marc, deine Vocals gehören für mich ganz klar zu den großen Trümpfen von LEPER COLONY. Gerade bei ‚Thrown To The Pigs‘ klingt dein Gesang für mich absolut infernalisch. Wie gehst du heute an solche Aufnahmen heran und hat sich deine Gesangstechnik über die Jahre verändert?

Marc Grewe:
Mmh, vielen Dank für das Kompliment. Das freut mich. Ich war schon immer der Meinung, dass Death-Metal-Vocals zwar ultra-brutal, aber dennoch verständlich und mit charakterlichem Ausdruck versehen am besten rüberkommen. Das ist einfach mein ganz eigener Stil, Death Metal zu interpretieren, und ehrlich gesagt ist es das schon seit 1987. Es hat sich eigentlich nicht viel geändert. Ich habe Mitte der 90er mal für einige Zeit bei einer Jazzsängerin Gesangsunterricht genommen, Birgit Zacher (RIP), die später auch auf diversen TIAMAT- und MOONSPELL-Alben als Gastsängerin fungierte. Sie hat mir viel in Sachen Intonation und Atemtechnik beigebracht, von dem ich heute immer noch profitiere.

Tobias:
Håkan Stuvemark ist diesmal als Gast dabei und steuert die Gitarrensoli bei. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande und was hat Håkan deiner Meinung nach in die Songs eingebracht?

Marc Grewe:
Ehrlich gesagt ist das eher eine Frage, die Rogga beantworten müsste. Die Riffs und Songs sind Roggas Werk. Meines Wissens ist Håkan diesmal ausschließlich für die Soli verantwortlich gewesen.

Tobias:
Bei der Produktion habt ihr mit Marc Wüstenhagen zusammengearbeitet. Gerade bei einem so rohen Album dürfte die richtige Produktion entscheidend sein, damit die Brutalität erhalten bleibt, ohne dass alles in einer einzigen Klangwand verschwindet. Was war euch beim Sound von „Back To Primal Sludge“ besonders wichtig?

Marc Grewe:
Ich arbeite mit Marc Wüstenhagen schon seit vielen Jahren zusammen. Er ist jemand, der durch seine eigene Bandtätigkeit bei THUNDER AND LIGHTNING eine eigene Bandgeschichte und Expertise mitbringt und ein wahnsinnig guter Arrangeur ist. Gerade im Studio ist es als Sänger wichtig, einem Produzenten zu vertrauen: ob etwas gut ist, besser gemacht werden kann und vor allem, wie etwas besser gemacht werden kann. Es bringt nichts, zehnmal den gleichen Growl zu machen, wenn du nicht weißt, was denn nun anders sein soll. Mit Marc ist die Zusammenarbeit mittlerweile so vertrauensvoll und entspannt, dass ich ganz froh war, Rogga davon zu überzeugen, dass Marc auch den Mix und das Mastering übernehmen soll. Ich finde, das Ergebnis spricht für sich.

Tobias:
Inhaltlich und musikalisch bleibt ihr tief im klassischen Old School Death Metal verwurzelt. Wenn du selbst auf „Back To Primal Sludge“ blickst: Gibt es einen Song, bei dem du das Gefühl hast, dass er LEPER COLONY heute besser repräsentiert als alles, was ihr zuvor gemacht habt?

Marc Grewe:
Ach, ich würde das nicht an einem Song festmachen wollen. Ich glaube, wir haben im Laufe der letzten Produktionen so etwas wie unseren eigenen Song und unsere eigenen Trademarks entwickelt. Wir haben einfach Spaß an der Sache und es ist ein unproblematisches Arbeiten, ohne Ego-Clashes. Gleichzeitig können wir darauf vertrauen, dass wir in der Lage sind, erstklassigen Death Metal zu erschaffen, ohne das Rad neu erfinden zu wollen. Wie bei allen anderen Projekten und Bands, die ich habe.

Tobias:
Ihr habt mit LEPER COLONY inzwischen drei Alben veröffentlicht und euren eingeschlagenen Weg immer konsequenter verfolgt. Wenn du heute auf diese Entwicklung zurückblickst: Habt ihr das Gefühl, eure ideale Mischung aus Florida- und Stockholm-Death-Metal gefunden zu haben oder gibt es für dich noch weitere Facetten des alten Todesbleis, die ihr unbedingt ausprobieren wollt?

Marc Grewe:
Wie ich schon sagte, ich glaube, mit LEPER COLONY bleiben wir in diesem Bereich zwischen Death Metal und räudigem Thrash. Könnte sein, dass bei der nächsten Veröffentlichung auch wieder mehr die thrashige Seite durchkommt.

Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und das Interview! Ich wünsche euch viel Erfolg mit „Back To Primal Sludge“. Die letzten Worte gehören natürlich dir.

Marc Grewe:
Danke, Tobi, für das Interview und vielen Dank an eure Leser für den Support.

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Lisa Ahlin, Saskia Grewe