Mit “Wrath Of The Hammer” melden sich STORMHAMMER eindrucksvoll zurück und schlagen das nächste Kapitel ihrer langen Bandgeschichte auf. Sieben Jahre nach “Seven Seals” präsentieren die deutschen Power-Metaller ein Album, das klassischen Heavy Metal, hymnische Melodien und cineastische Atmosphäre mit packenden Geschichten über Krieger, Schicksal und nordische Mythen verbindet. Produziert von Alex Krull und veredelt durch Gastauftritte von Ralf Scheepers und Chris Boltendahl zeigt sich die Band so kraftvoll und fokussiert wie lange nicht mehr. Im Gespräch verrät Bassist Horst Tessmann, warum die Fans so lange auf das neue Album warten mussten, weshalb “Wrath Of The Hammer” für ihn einen wichtigen Neuanfang markiert und warum die nächste Platte diesmal deutlich schneller erscheinen soll.
Tobias:
Hallo Horst, ich bin der Tobias. Ich schreibe für das Online-Portal OBLIVEON. Dort erscheint auch eine Review zu eurem neuen Album “Wrath Of The Hammer”, über das wir heute sprechen. Ich muss ehrlich gestehen, ich hatte euch bisher gar nicht so aktiv auf dem Schirm. Ich bin ganz angetan von dem, was ich bisher gehört habe. Ich habe mir auch zwei eurer älteren Platten zugelegt und wollte dann unbedingt eine Review zum neuen Album schreiben. Jetzt freue ich mich, dass wir über die Platte reden können.
Seit “Seven Seals” sind jetzt einige Jahre vergangen. Hat das neue Album so lange zum Reifen gebraucht oder waren es eher die äußeren Umstände mit Corona und dem ganzen Drumherum, die die Wartezeit verlängert haben? Als Fan wartet man natürlich auf neue Töne seiner Lieblingsband. Wie war das bei euch? Warum hat das jetzt sieben Jahre gedauert?
Horst:
Nach “Seven Seals” 2019 gab es zunächst einen großen Einschnitt in der Band. Unser langjähriger Gitarrist musste aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Aus meiner Sicht war es außerdem so, dass “Seven Seals” musikalisch nicht ganz so geworden ist, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. Nach diesem Einschnitt hat es dann eine Weile gedauert, bis wir neue Leute gefunden hatten. Das war dann 2021 der Fall, und dann kam Corona. Zum Glück bekamen wir die Möglichkeit, DORO PESCH zu begleiten. Ende 2021 spielten wir eine Show – mit dem Ergebnis, dass unser Schlagzeuger, einer der Gitarristen und ich sofort Corona hatten. Die nächsten drei Konzerte konnten wir deshalb nicht spielen, weil wir alle in Quarantäne waren. 2022 konnten wir dann wieder einige Konzerte spielen. In dieser Zeit haben wir kurzfristig ein Best-of-Album aufgenommen, damit wir für die Tour etwas Neues hatten, das wir den Fans anbieten und verkaufen konnten. Eigentlich wollten wir danach mit neuem Material anfangen. Mit den neuen Leuten hat sich das aber gezogen. Es hat sich schließlich herausgestellt, dass die Zusammenarbeit mit den beiden Gitarristen einfach nicht funktioniert hat. Einer hatte ohnehin noch zwei andere Bands und konnte sich nicht so einbringen, wie wir uns das gewünscht hätten. Beim anderen war es ähnlich. In eineinhalb Jahren haben wir eigentlich nichts Vernünftiges auf die Reihe bekommen.
Anfang letzten Jahres mussten wir dann zwei neue Gitarristen suchen. Das hat zum Glück extrem kurzfristig geklappt. Mit ihnen konnten wir die Songs für die neue Scheibe in Rekordzeit fertigstellen. Im April und Mai waren die Songs fertig, und im Juli ging es ins Studio. Dann gab es allerdings noch Probleme beim Schlagzeug-Recording. Das hat einfach nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt hatten. Unser Schlagzeuger hatte keine Zeit, deshalb haben wir versucht, mit einem anderen Schlagzeuger zu arbeiten. Das hat aber ebenfalls nicht funktioniert. Dadurch hat sich alles noch einmal verschoben, denn eigentlich sollte die Scheibe schon im Herbst letzten Jahres erscheinen. Außerdem war Alex Krull natürlich ebenfalls stark beschäftigt. Da kamen dann einfach Terminprobleme dazu und so verging schließlich Monat für Monat. Jetzt haben wir es endlich geschafft und das Album kommt auf den Markt.
Tobias:
Und du hast ja auch gesagt, dass du mit “Seven Seals” nicht mehr ganz so zufrieden warst. Bist du – obwohl du ein „alter Hase“ bist – trotzdem ein bisschen angespannt, wie die neue Platte bei den Fans ankommt? Die Singles haben ja eigentlich schon eine gute Resonanz bekommen. Ich habe das auf YouTube und Instagram ein bisschen verfolgt und mir die Kommentare angeschaut. Trotzdem sind ja noch einige Songs dabei, die bisher noch nicht veröffentlicht wurden. Wie ist dein Gefühl jetzt, eine Woche vor dem Release?
Horst:
Also ich denke schon, dass es bisher ein ganz gutes Feedback gab. Ich habe auch ein ganz gutes Gefühl, was die anderen Songs angeht. Aufgrund der etwas chaotischen Produktion – das war aber auch von unserer Seite her so – haben wir diesmal leider nur zehn Songs auf der Scheibe. Ich hätte gerne zwei oder drei Songs mehr gehabt. Ich denke aber, die Songs sind ganz gut geworden. Die ersten beiden Songs sind ein guter Hinweis auf das, was auf der Scheibe zu hören sein wird. Ich bin natürlich gespannt, aber gleichzeitig auch entspannt, weil ich glaube, dass die Scheibe gut ankommen wird.
Tobias:
Also bei mir ist die Scheibe richtig gut angekommen. Ich will jetzt nicht sagen, sonst wären wir nicht im Interview, aber mir hat wirklich richtig gut gefallen, was ich gehört habe. Ich habe auch ein bisschen recherchiert. Ich habe mir vor zwei oder drei Tagen “Echoes Of A Lost Paradise” auf Vinyl über eBay besorgt. Als das Album 2015 erschien, waren die Kritiken gar nicht so überragend. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo damals der kritische Ansatz gewesen sein soll. Wenn man sich die Platte heute komplett anhört, gefällt sie mir eigentlich richtig gut. Vielleicht liegt das auch daran, dass mir alles gefällt, was „Hammer“ im Namen trägt. Egal ob HAMMERFALL, HAMMER KING oder eben STORMHAMMER. Mir gefällt aber auch einfach die Thematik, die ihr besingt. Auch auf “Wrath Of The Hammer” geht es wieder um Krieger und nordische Themen. Ihr beschäftigt euch damit allerdings schon deutlich länger, das ist bei euch also keine Modeerscheinung. Wie siehst du die Entwicklung von damals bis heute, was diese Themen im Power Metal generell angeht? Soll das eher Fantasy sein und die Leute einfach aus dem Alltag herausreißen? Oder denkst du, dass man durchaus auch mittels der Texte Kritik an der heutigen Gesellschaft üben kann – zwischen den Zeilen sozusagen? Ist das auf eurem Album präsent oder sagt ihr: Nein, wir wollen eine Fantasywelt aufbauen, in der sich unsere Fans verlieren können?
Horst:
Ich selber bin ja auch jemand, der Fantasy-Rollenspiele macht. Insofern habe ich da natürlich den Draht zu dieser Fantasywelt. Die nordische Geschichte kommt dann irgendwie noch mit dazu. Aber so, wie du gesagt hast, ist das schon auch unser Ansatz. Für die Fans soll das eine Welt sein, in der sie sich wohlfühlen und ein bisschen von allem abschalten können. Klar, wir hatten auf der ersten Scheibe schon einen Song mit ‘Holy War’, der den religiösen Kriegsschwachsinn ein bisschen beschrieben hat. Den ersten Text habe ich damals geschrieben, der ist jedoch von einer neueren Version abgelöst worden, die aber auch passt. Generell denke ich, dass es im Power Metal eher die Methode ist, zwischen den Zeilen ein bisschen auf die aktuelle Situation einzugehen – auf das, was gerade in der Welt oder auch in Amerika passiert. Ich denke, als Band würdest du dir viel verbauen, wenn du da jemanden direkt angreifst, der an der Macht ist. Das ist im Moment sowieso schwierig. Man muss sich nur anschauen, was passiert, wenn man auf Facebook etwas schreibt und dann vielleicht irgendwann einmal in die USA einreisen möchte. Da muss man sich entscheiden: Will ich politischer werden und einfach sagen, was ich denke? Ich habe natürlich eine ganz klare Meinung zum Krieg in der Ukraine – insbesondere, weil einer unserer Gitarristen ursprünglich aus der Ukraine kommt und inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft hat.
Aber das ist eben eine Entscheidung. Ich denke, als Band ist es vielleicht besser – und vielleicht auch für die Fans –, wenn man eine Fantasywelt aufbaut und über Dinge aus dieser fiktiven Welt schreibt. Dann kann man sich überlegen, ob man zwischen den Zeilen noch etwas mit hineinpackt. Aus ‘Wrath Of The Hammer’ sollte ursprünglich einmal eine Geschichte werden, in der dieser Hammer wieder zurückkommt beziehungsweise wiederentdeckt wird. Jemand findet diesen Hammer und räumt dann ein bisschen auf. Auch in ‘Ashes Of The Throne’ geht es darum, dass jemand viel zu viel Macht hat und am Ende das ganze Imperium zusammenstürzt. Es ist kein großes Konzeptalbum oder so etwas. Aber ich denke, wir werden in dieser Fantasywelt bleiben und schauen, ob wir dort Geschichten erzählen können, in denen sich die Leute auch in der Realität ein Stück weit wiederfinden. Ich fühle mich in dieser Welt jedenfalls sehr wohl.
Tobias:
Ich habe jetzt nie aktiv Pen-&-Paper-Rollenspiele gespielt. Mein Rollenspiel-Dasein hat sich früher eher auf den PC und heute auf die Konsole verlagert. Ich habe allerdings ziemlich lange “World Of Warcraft” gespielt und da liefen im Hintergrund natürlich auch immer diese typischen Fantasy-Soundtracks. Von daher verliere ich mich in solchen Welten einfach gerne – sowohl musikalisch als auch spielerisch. Ich denke einfach, wir haben schon genug Mist in der realen Welt und im Alltag. Da muss das nicht auch noch in der Musik stattfinden.
Was ich am Album außerdem richtig cool finde: Mit dem Intro ‘Beware’ baut ihr erst einmal Spannung auf, bevor der Titeltrack ‘Wrath Of The Hammer’ mit voller Wucht loslegt. Du hast ja eben schon gesagt, dass die ersten beiden Songs einen guten Eindruck davon vermitteln, was den Hörer auf dem Album erwartet. Welche Songs könnt ihr euch besonders gut live vorstellen? Ich denke, ‘Wrath Of The Hammer’ wird auf jeden Fall gesetzt sein. Habt ihr schon ein Gefühl dafür, welche Stücke die Leute live am meisten mitnehmen werden?
Horst:
Wir haben tatsächlich schon einige der neuen Songs live gespielt und das hat wirklich gut funktioniert. ‘Wrath Of The Hammer’ wird natürlich auf jeden Fall dabei sein. ‘Guardians Of The Night’ spielen wir ebenfalls live, ‘Shattered Dominion’ macht auch richtig Spaß. ‘Wheels Of Eternity’ ist auch eine tolle Nummer, die sich durch die Keyboards noch einmal deutlich verändert hat. Ursprünglich war das eher eine reine Gitarrenversion. Die Keyboard-Arrangements von Jona kamen erst während der Produktion dazu und haben dem Song noch einmal eine ganz andere Atmosphäre verliehen. Ich denke, wir werden viele Songs von der neuen Scheibe live spielen. Zwei Stücke haben wir bisher noch nicht gespielt, aber das werden wir sicherlich auch noch nachholen. Am Anfang ist das natürlich immer ein bisschen schwierig, weil die Leute die neuen Songs noch gar nicht kennen. Bei den ersten Konzerten konnten sie die CD ja noch gar nicht kaufen. Aber wir haben schon gemerkt, dass die neuen Songs sehr gut ankommen. Sobald wir die ersten Refrains gespielt haben, merkt man, wie die Leute mitgehen. Beim zweiten Refrain sind sie dann meistens schon voll dabei. Das ist natürlich ein schönes Gefühl.
Tobias:
Das ist wahrscheinlich auch ein Vorteil eurer Songs. Sie sind eingängig und bleiben schnell im Ohr. Gerade bei einem Live-Konzert ist das unglaublich wichtig. Wenn alles zu verkopft oder zu verspielt ist, fehlt manchmal einfach der Drive. Bei “Wrath Of The Hammer” finde ich die Mischung genau richtig. Ihr habt auf dem Album außerdem zwei absolute Szenegrößen dabei: Ralf Scheepers von PRIMAL FEAR und Chris Boltendahl von GRAVE DIGGER. Wie kam es eigentlich zu dieser Zusammenarbeit?
Horst:
Das ist tatsächlich eine Geschichte, die noch auf die Zeit kurz vor beziehungsweise während Corona zurückgeht. Den Song gab es damals schon in einer ersten Version. Wir hatten ihn ungefähr 2021 begonnen, als die ersten Stücke für das Album entstanden sind. Chris kenne ich schon länger. Wir waren damals gemeinsam mit GRAVE DIGGER auf Tour und deshalb lag es nahe, ihn einfach einmal zu fragen. Im Nachhinein war Corona in diesem Fall fast schon ein Vorteil, weil ohnehin niemand groß unterwegs war und wir dadurch die Zeit hatten, den Song und das Video gemeinsam umzusetzen.
Für die neue Scheibe haben wir den Song dann noch einmal komplett neu aufgenommen, was die Instrumente und den Sound angeht, damit er sich nahtlos in das Album einfügt. Im Grunde ist das also ein Überbleibsel aus der Corona-Zeit, das wir für “Wrath Of The Hammer” noch einmal überarbeitet haben. Wir hatten sogar versucht, für einen anderen Song noch einen weiteren Sänger beziehungsweise eine Sängerin dazuzuholen. Das hat leider nicht geklappt. Aber wir haben jetzt schon eine sehr interessante Anfrage für das nächste Album. Da wird es ziemlich sicher wieder eine Kooperation mit einem Gastsänger geben.
Tobias:
Da hast du jetzt ja quasi schon ganz nebenbei verraten, dass bereits eine neue Scheibe in Arbeit ist. Das dürfte die Fans freuen – und vor allem, dass sie diesmal hoffentlich nicht wieder sieben Jahre warten müssen.
Horst:
Genau. Das ist auf jeden Fall unser Ziel. Das Problem ist einfach: Wenn du in unserer Szene zwei Jahre oder länger nichts machst, geraten viele Bands schnell wieder in Vergessenheit. Deshalb wollen wir dieses Mal deutlich schneller nachlegen.
Tobias:
Ja, genau das ist diese Schnelllebigkeit heutzutage. Ich merke das ja selbst als Rezensent. Ich komme kaum noch dazu, meine Lieblingsplatten aufzulegen, weil schon wieder die nächste E-Mail hereinkommt: “Kannst du vielleicht dieses Album besprechen?”. Ich merke es mittlerweile sogar daran, dass ich mir die Plattennamen kaum noch merken kann. Alben aus den Neunzigern oder den Nullerjahren kenne ich auswendig, aber bei den vielen Neuerscheinungen verschwimmt vieles einfach, weil man sich gar nicht mehr so intensiv damit beschäftigen kann. Dazu kommen Spotify und die ganzen Streaming-Dienste. Man hört sich einen Song an und weiß am Ende manchmal gar nicht mehr, von welcher Band er überhaupt war. Ich selbst nutze Spotify inzwischen auch – allerdings aus einem praktischen Grund. Aufgrund meiner körperlichen Behinderung ist es mir nicht immer möglich, eine Schallplatte aufzulegen. Trotzdem kaufe ich mir die Alben weiterhin, weil ich einfach gern etwas in der Hand habe: ein schönes Cover, ein Booklet – nicht einfach nur auf ‘Play’ drücken. Es ist heute wirklich Fluch und Segen zugleich. Einerseits muss man online präsent sein, weil einen sonst kaum jemand wahrnimmt. Andererseits wäre ich ohne Spotify wahrscheinlich auch nie auf STORMHAMMER aufmerksam geworden.
Horst:
Ich bin da eher oldschool unterwegs. Ich habe meine Platten und finde einfach, dass eine richtige CD oder Vinyl mit einem vernünftigen Booklet etwas ganz anderes ist. Da hat man noch etwas in der Hand. Ich selbst bin eigentlich nur auf Facebook, weil ich in der Band spiele. Ansonsten wäre ich da wahrscheinlich gar nicht unterwegs. Unsere beiden Gitarristen und auch unser Sänger sind deutlich jünger. Die haben eine viel größere Affinität zu Social Media und kümmern sich glücklicherweise um diese Dinge. Ich selbst halte mich da eher raus. Man wird als Band heutzutage von vielen Plattenfirmen ja auch nach den Streamingzahlen bewertet. Das spielt inzwischen einfach eine große Rolle. Gleichzeitig machen wir Musik für eine Zielgruppe, die ihre CDs oder Schallplatten kauft und eben nicht nur streamt. Unsere Fans hören Musik oft noch ganz klassisch. Dadurch sind die Streamingzahlen natürlich automatisch niedriger als bei Bands, deren Publikum ausschließlich über Streamingdienste hört. Wenn Streaming wenigstens vernünftig bezahlt würde, hätte ich damit gar kein Problem. Aber wenn am Ende pro Stream nur ein Bruchteil eines Cents übrig bleibt, fragt man sich schon, ob dieses System wirklich der richtige Weg ist.
Ich hatte neulich ein ganz interessantes Erlebnis. Ich war auf einem Geburtstag bei einem Freund. Der Nachwuchs dort war so um die achtzehn oder zwanzig Jahre alt. Ich habe ihnen einen Song von unserem neuen Album vorgespielt. Die Reaktion war: “Der Song ist aber schon ziemlich lang.” Dabei ging er gerade einmal etwas über vier Minuten. Daran merkt man schon, wie schnelllebig heute alles geworden ist. Viele sind gar nicht mehr gewohnt, sich einen Song anzuhören, der länger als drei Minuten dauert.
Tobias:
Ja, wobei ich gar nichts gegen kompakte Songs habe. Wenn ein Stück drei oder vier Minuten dauert und in der Zeit richtig einen raushaut. Ich hatte allerdings erst vor ein paar Tagen ein Album in der Hand, auf dem ein Song ganze 24 Minuten lang war – also fast schon eine kleine EP innerhalb des Albums. Als Fan setze ich mich dann gerne hin, höre mir so etwas mehrfach an und versuche, den Sinn dahinter zu verstehen. Das macht mir Spaß. Natürlich ist es schwieriger, einen 24-Minuten-Song einzuordnen, wenn man ein Review schreibt, aber wenn eine Geschichte erzählt wird, höre ich mir so etwas unglaublich gerne an. Lieber das, als wenn ein Song vier Minuten dauert und davon alle dreißig Sekunden nur ‘Oh-oh-oh’ oder ‘La-la-la’ gesungen wird. Ich glaube allerdings auch, dass sich gerade im Heavy Metal die Leute noch eher intensiv mit Musik beschäftigen als in vielen anderen Genres.
Horst:
Ja, das denke ich auch. Ich schaue mir inzwischen auch immer wieder an, was so veröffentlicht wird und was in den Reviews auftaucht. Da erscheinen jeden Monat unzählige Alben. Und ich muss ehrlich sagen: Neunzig Prozent der Bands kenne ich überhaupt nicht. Es rauscht einfach alles unglaublich schnell an einem vorbei.
Tobias:
Ja, das ist tatsächlich so. Ein Freund von mir hat mir vor Kurzem einen Link geschickt und meinte: “Hör dir das mal an.” Ich habe kurz reingehört und sofort gemerkt: Das ist komplett KI-generierte Musik. Daraufhin habe ich ihm lieber ein paar echte Bands geschickt, die genau in diese Richtung gehen. Danach meinte er: “Ja, das gefällt mir eigentlich sogar besser.”
Das kommt inzwischen ja auch noch dazu. KI nimmt den Musikern, die ihre Songs wirklich selbst schreiben und einspielen, immer mehr Platz weg. Teilweise werden solche Projekte sogar in Streaming-Playlists gefeatured. Manchmal sehe ich angebliche Kooperationen zwischen bekannten Bands und irgendwelchen Künstlern, von denen ich noch nie gehört habe. Dann denke ich sofort: Moment mal – wann sollen METALLICA oder MEGADETH denn mit denen zusammengearbeitet haben? Da weiß ich direkt, dass das KI-generierter Unsinn ist. Das höre ich mir dann auch gar nicht erst an.
Es ist heutzutage wirklich eine schwierige Entwicklung. Zurück zum Album. Euer Sänger M. Nox ist ja seit 2019 dabei. Ich habe mir eure älteren Alben im direkten Vergleich angehört und finde, dass seine Stimme deutlich präsenter, kraftvoller und insgesamt eingängiger wirkt als auf den früheren Veröffentlichungen. Wenn du die älteren Alben mit “Wrath Of The Hammer” vergleichst: Wie sehr hat seine Stimme den Charakter der Songs verändert?
Horst:
Ich bin mit der neuen Platte auf jeden Fall deutlich zufriedener. M. Nox – sein Künstlername – hat ein sehr gutes Gespür dafür, wie ein Song am Ende klingen soll. Gerade die eingängigen Refrains hat er hervorragend ausgearbeitet. Das ist wirklich sehr gut geworden. Ich glaube aber auch, dass es im Vergleich zu den älteren Alben ein Stück weit an der Produktion liegt, dass seine Stimme jetzt besser zur Geltung kommt. Früher hatte ich im Nachhinein oft das Gefühl, dass der Gesang zu sehr in der Musik untergeht und nicht richtig darüber liegt. Diesmal kommt die Stimme viel besser heraus.
Ich denke schon, dass seine Stimme hervorragend zu unserer Musik passt. Die beiden vorherigen Sänger – Matthias und Jürgen – hatten eine ganz andere Stimme. Sie war deutlich härter und tiefer. Er bringt da noch einmal eine andere Farbe mit hinein, die aus meiner Sicht besser zu unserer heutigen musikalischen Ausrichtung passt. Wobei das natürlich immer Geschmackssache ist. Es gibt Leute, die sagen: “Die Musik gefällt mir, aber der Sänger nicht.” Und andere sagen wiederum: “Der Sänger gefällt mir jetzt viel besser.” Das wirst du nie allen recht machen können.
Tobias:
Das sehe ich ähnlich. Mir gefällt vor allem, dass er seine eigene Stimme hat. Bei manchen Bands habe ich inzwischen das Gefühl, dass sie versuchen, Bruce Dickinson nachzuahmen – gerade bei den Screams. Da denke ich oft: Nehmt doch lieber eure eigene Stimme. Bei M. Nox ist das anders. Die Screams klingen natürlich und man merkt sofort, dass da auch ein richtig guter Sänger dahintersteckt. Er setzt sie gezielt ein und kann eben genauso gut melodisch singen. Das hat längst nicht jeder.
Ich hatte erst vor Kurzem ein Black-Metal-Album hier, da klang der Gesang ehrlich gesagt so, als würde jemand einen Turnschuh durch eine Turnhalle schießen. Da sollst du dann hinterher noch eine vernünftige Bewertung schreiben. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Bei euch passt das dagegen richtig gut zusammen.
Horst:
Nox ist ausgebildeter Opernsänger und war vorher noch nie in einer Power-Metal-Band. Insofern passt das bei uns wirklich sehr gut zusammen. Ich bin da sehr zufrieden. Vor allem hat sich bei uns auch sehr schnell eine echte Freundschaft entwickelt. Das ist nicht selbstverständlich. Natürlich versteht man sich in einer Band meistens gut, aber bei uns geht das inzwischen weit darüber hinaus. Wir sind auch abseits der Musik sehr gut befreundet.
Tobias:
Habt ihr rund um den Release schon eine Tour geplant oder seid ihr zunächst vor allem auf Festivals unterwegs?
Horst:
Wir haben diesen Sommer leider nur ein Festival. Ansonsten versuchen wir im Moment, noch einen Support-Slot für eine Tour zu bekommen. Für den Herbst wird das wahrscheinlich schwierig, weil inzwischen fast alles vergeben ist. Vielleicht klappt es dann im Frühjahr.
Tobias:
Ja, das ist heutzutage wirklich nicht einfach. Wenn ich allein sehe, was in den ein oder anderen Magazinen alles angekündigt wird – ständig ist irgendeine Band auf Tour. Da kann man als Fan gar nicht überall hingehen, selbst wenn man es gerne würde. Vielleicht ist es tatsächlich gar nicht so schlecht, wenn sich das ins nächste Jahr verschiebt und die Konzertlandschaft wieder etwas entzerrt ist.
Schaut ihr denn bei möglichen Support-Touren auch gezielt darauf, möglichst viele Regionen Deutschlands abzudecken? Oder sagt ihr erst einmal: Wir nehmen die Möglichkeiten, die sich ergeben?
Horst:
Ich denke, wir werden erst einmal das nehmen, was kommt. Wir hatten zwar schon ein Angebot für eine Tour, aber die hätte sechs Wochen gedauert. Das können wir einfach nicht machen. Im Moment schauen wir deshalb, dass wir überhaupt etwas bekommen, das zeitlich und finanziell vernünftig passt. Die großen Touren werden natürlich schon lange im Voraus geplant. Mit einem Album, das erst Mitte Juli erscheint, bist du für viele dieser Planungen eigentlich schon zu spät dran. Deshalb hoffen wir darauf, dass vielleicht irgendwo noch etwas frei wird oder wir kurzfristig nachrücken können.
Tobias:
Solltet ihr irgendwann einmal hier in den Süd/Südwesten Deutschlands kommen – zum Beispiel nach Mannheim –, bin ich auf jeden Fall dabei. Ich freue mich immer besonders, wenn Bands vorbeikommen, die ich interviewt oder journalistisch begleitet habe. Leider endet es oft in Frankfurt oder in einem Club, der nicht barrierefrei ist. Ich würde es euch auf jeden Fall wünschen. Und ehrlich gesagt auch mir, dass ihr mal hier in die Gegend kommt. Vielleicht ja irgendwann wieder zusammen mit DORO PESCH. Sie sucht ja immer wieder Supportbands.
Horst:
Die Supportbands bei DORO PESCH werden meistens erst relativ kurzfristig bekannt gegeben. Wir stehen da auf der Liste und schauen einfach, ob es vielleicht noch klappt. Das wäre natürlich schön. Die Tour mit DORO PESCH war auf jeden Fall eine der schönsten Touren, die wir bisher gespielt haben. Eigentlich waren fast alle Hallen ausverkauft und die Fans waren absolut fair. Gerade im Power Metal ist es oft so, dass die Leute schon bei der ersten Band vor der Bühne stehen und nicht erst zum Headliner kommen. Das macht natürlich richtig Spaß.
Konzerte mit mehr als drei Bands finde ich persönlich allerdings auch etwas schwierig. Da gehe ich oft gar nicht erst zur ersten Band, außer sie interessiert mich wirklich. Irgendwann ist man einfach komplett zugedröhnt von den vielen Eindrücken und am Ende bleibt gar nicht mehr so viel hängen. Das macht dann auch keinen richtigen Spaß mehr. Auf Festivals gehe ich inzwischen auch kaum noch. Den ganzen Tag dort herumzulaufen und am Ende vielleicht zwei oder drei Bands zu sehen, wegen denen man eigentlich da ist – das ist mittlerweile nicht mehr so meins. Das letzte, auf dem ich gewesen bin, war das Rockavaria in München, da konnte ich mit dem Rad hinfahren.
Tobias:
Also wenn ihr mit DORO PESCH auf der “Winter Magic Tour” unterwegs seid, dann versuche ich auf jeden Fall, in Wiesbaden dabei zu sein. Ich sehe Doro unheimlich gerne. Ich durfte sie ja auch schon interviewen und sie ist einfach genauso, wie man sie kennt. Das finde ich großartig. Und genau deshalb machen mir solche Interviews auch so viel Spaß. Wir könnten uns genauso gut irgendwo an einen Stammtisch setzen und einfach über Musik unterhalten. Genau das mag ich daran. Wir sind jetzt allerdings leider fast am Ende unserer Zeit.
Ich danke dir auf jeden Fall schon einmal für das Interview. Eine Frage stelle ich meinen Gästen zum Abschluss aber immer noch: Haben wir aus deiner Sicht alles Wichtige rund um “Wrath Of The Hammer” angesprochen oder gibt es noch etwas, das du unseren Leserinnen und Lesern beziehungsweise euren Fans mit auf den Weg geben möchtest?
Horst:
Ich freue mich natürlich über jedes Interview. Das Wichtigste für unsere Fans ist wahrscheinlich, dass wir bereits an der nächsten Scheibe arbeiten. Ich denke, sie wird auch wieder in die Richtung des aktuellen Albums gehen. Ansonsten haben wir eigentlich über alles gesprochen. Ich würde mich freuen, wenn wir uns irgendwann einmal auf einem Konzert sehen.
Tobias:
Das werde ich auf jeden Fall machen. Wenn ich höre, dass ihr irgendwo in meiner Nähe spielt, melde ich mich. Ich sage schon einmal vielen Dank, bevor Zoom uns gleich einfach rauswirft. Das ist immer etwas blöd – plötzlich ist das Interview vorbei und man kann sich nicht einmal mehr richtig verabschieden. Vielen Dank für deine Zeit. Ich wünsche euch eine großartige Release-Woche und natürlich ganz viel Erfolg mit “Wrath Of The Hammer”. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Album sehr gut ankommen wird.
Horst:
Danke dir. Schöne Zeit war’s. Ich wünsche dir ebenfalls alles Gute. Mach’s gut!
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: StormHammer, Woitek Jagoda

