Mit “Washington State Charm” schlagen MONUMENT OF MISANTHROPY das nächste brutale und zugleich konzeptionell anspruchsvolle Kapitel ihrer Bandgeschichte auf. Diesmal widmet sich die Death-Metal-Band – inzwischen ausschließlich mit österreichischen Musikern besetzt – einem der berüchtigtsten Serienmörder der amerikanischen Kriminalgeschichte: Ted Bundy. Mit einer Mischung aus technischem Death Metal, moderner Brutalität, Deathcore-Einflüssen und einer verstörenden Geschichte aus der Realität erschaffen MONUMENT OF MISANTHROPY ein Album, das gleichermaßen nachdenklich stimmt wie musikalisch vernichtet. Zeit also, einen genaueren Blick hinter die Musik und die Ideen zu werfen, die “Washington State Charm” geprägt haben.
Tobias:
Hallo Georg! Wie geht es dir aktuell und wie fallen die bisherigen Reaktionen auf “Washington State Charm” aus?
Georg:
Hallo Tobias, danke für das Interview. Bisher haben wir erst zwei Singles veröffentlicht, aber die Reaktionen sind überwältigend positiv. Es scheint, als würden sich die Leute wirklich darauf freuen, endlich das komplette Werk zu hören.
Das ergibt für mich auch Sinn, denn es handelt sich erneut um ein Konzeptalbum. Nach “Unterweger” über Jack Unterweger und “Vile Postmortem Irrumatio” über Ed Kemper erzählen wir wieder eine zusammenhängende Geschichte, die man am besten vom ersten bis zum letzten Song am Stück erlebt.
Tobias:
MONUMENT OF MISANTHROPY gibt es inzwischen schon eine ganze Weile. Wenn du auf den Weg von einem Solo-Projekt im Jahr 2010 bis zur heutigen Band zurückblickst – worauf bist du am meisten stolz?
Georg:
Das ist wirklich eine gute Frage. Wenn ich zurückblicke, beeindruckt mich bis heute am meisten, dass es möglich war, eine Band von Grund auf aufzubauen – mit Menschen, die einfach das tun wollen, was sie am besten können: Musik machen. Und dass wir uns international einen Namen erarbeiten konnten, ohne irgendjemandem in den Hintern zu kriechen oder von Vetternwirtschaft zu profitieren.
Heute hat man oft das Gefühl, dass jeder von jedem gemocht werden möchte. Das war allerdings nie mein Ansatz. Meine Vorstellung davon, Musik zu machen, war immer ganz einfach: Ich wollte etwas erschaffen, das ich als Fan selbst hören, lesen und letztlich auch kaufen würde. Manche Bands schießen innerhalb kürzester Zeit von null auf hundert und verschwinden genauso schnell wieder von der Bildfläche. Mir sind Beständigkeit, Qualität und Authentizität wesentlich wichtiger. Anstatt kurzlebiger Aufmerksamkeit, Meme-Hypes oder ständigem Social-Media-Clickbait hinterherzulaufen, möchte ich lieber etwas schaffen, das Bestand hat. Im Idealfall sprechen die Leute auch in dreißig Jahren noch über uns und sagen: „Erinnerst du dich noch an diese Band? Die haben damals wirklich intensives und verrücktes Zeug veröffentlicht.“
Tobias:
Nach Alben wie “Unterweger” und Songs über verschiedene Serienmörder und Verbrechen habt ihr euch diesmal Ted Bundy als Thema für ein komplettes Konzeptalbum ausgesucht. Warum fiel die Wahl ausgerechnet auf ihn?
Georg:
Nachdem wir uns bereits mit Jack Unterweger und Ed Kemper beschäftigt hatten, standen wir vor der schwierigen Aufgabe, das Thema für unser drittes Konzeptalbum über einen Serienmörder auszuwählen. Wir haben sogar unsere Fans nach Vorschlägen gefragt und dabei fielen immer wieder dieselben Namen: Jeffrey Dahmer, Ed Gein, Richard „Night Stalker“ Ramirez und Ted Bundy. Dahmer haben wir allerdings relativ schnell ausgeschlossen, weil MACABRE dieses Thema bereits vor vielen Jahren behandelt haben.
Also begann ich, mich intensiv mit den Biografien und Fallakten der übrigen Kandidaten auseinanderzusetzen, um herauszufinden, welche Geschichte das größte Potenzial für ein düsteres und atmosphärisches Konzept bietet. Am Ende stach Bundy deutlich hervor. Seine schwierige Kindheit, seine instabilen Beziehungen, sein Abstieg in die Gewalt, die spektakulären Gefängnisausbrüche, die enorme Medienpräsenz und schließlich seine Hinrichtung ergeben zusammen eine Geschichte, die fast schon filmisch aufgebaut ist. Sie steckt voller psychologischer Spannung und Atmosphäre. Genau deshalb eignete sie sich für mich nahezu perfekt als Grundlage für ein Death-Metal-Konzeptalbum.
Tobias:
Wenn man sich mit einer realen Persönlichkeit wie Ted Bundy beschäftigt: Wie findet man die Balance zwischen einer authentischen Erzählung und der Gefahr, eine solche Person ungewollt zu glorifizieren?
Georg:
Für mich ist der wichtigste Punkt, die Geschichte so zu erzählen, wie sie tatsächlich passiert ist. Das ist eine Grenze, die man respektieren muss, denn zwischen einer düsteren Darstellung und einer ungewollten Verherrlichung der Hauptfigur verläuft ein sehr schmaler Grat. Natürlich spielt dabei auch immer ein gewisser Schockeffekt eine Rolle – ähnlich wie bei Horrorfilmen, Slashern oder True-Crime-Dokumentationen. Mich interessiert jedoch viel stärker der psychologische Zusammenbruch hinter diesen Taten. Was bringt jemanden wie Ted Bundy überhaupt dazu, zu dem Menschen zu werden, der er schließlich geworden ist?
Wenn man sich intensiv damit beschäftigt, liegen die Ursachen häufig sehr früh in der Kindheit – geprägt von Demütigung, Isolation, Ablehnung oder dem Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Solche emotionalen Verletzungen können über Jahre hinweg wachsen und schließlich das gesamte Weltbild eines Menschen verzerren. Genau dieser langsame psychologische Verfall ist für mich der eigentliche Horror. Eine tief verletzte und gedemütigte Psyche kann sich irgendwann in etwas völlig Unkenntliches verwandeln. Genau diese Dunkelheit versuchen wir in unseren Texten einzufangen.
Tobias:
Beim Hören des Albums habe ich mich immer wieder dabei ertappt, die im Album erwähnten Ereignisse, Opfer und Schauplätze nachzurecherchieren. Wie umfangreich war dein eigener Rechercheprozess, bevor du mit dem Schreiben der Texte begonnen hast?
Georg:
Wie immer habe ich mich intensiv mit sämtlichen verfügbaren Biografien, Dokumentationen, Filmen und Serien beschäftigt. Manchmal wird es dabei tatsächlich ziemlich verwirrend, weil verschiedene Quellen dieselben Ereignisse völlig unterschiedlich darstellen. Gerade im Fall von Ted Bundy kann man selbst seinen eigenen Geständnissen nicht immer glauben, da viele davon offensichtlich manipulativ waren oder dazu dienten, die Ermittler in die Irre zu führen und seine Hinrichtung hinauszuzögern. Irgendwann muss man entscheiden, welche Informationen man als Fakten akzeptiert und welche man lieber außen vor lässt. Für mich bilden dabei die Erkenntnisse der Strafverfolgungsbehörden und die offiziellen Ermittlungsakten die verlässlichste Grundlage.
Hinzu kommt, dass ich die gesamte Geschichte anschließend auf das instrumentale Material aufbauen muss, das ich von den Musikern bekomme. Und ehrlich gesagt ist das oft eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe. Man versucht schließlich, über neun Songs hinweg eine zusammenhängende, vielschichtige Geschichte zu erzählen – von der Kindheit bis zum Tod –, ohne dabei die psychologische Tiefe, die wichtigsten Ereignisse oder die emotionalen Wendepunkte zu verlieren. Es wäre wesentlich einfacher, ein klassisches Death-Metal-Album mit fiktivem Gore und übertriebenen Splatter-Texten zu schreiben. Vieles davon klingt am Ende so, als hätte es ein Fünftklässler geschrieben, der einfach nur möglichst schockieren möchte. Das war nie unser Anspruch. Wir wollten immer mehr erschaffen – etwas mit Atmosphäre, Tiefe und einer echten erzählerischen Grundlage.
Tobias:
Songs wie ‘The 1974 PNW Spree’, ‘Washington State Charm’ und ‘Chi Omega Blood Rage’ beschäftigen sich mit ganz bestimmten Abschnitten in Bundys Geschichte. Gab es Kapitel seines Lebens, über die zu schreiben besonders schwierig oder belastend war?
Georg:
Auf jeden Fall. Bei all diesen Verbrechen wurden unschuldige junge Frauen ermordet, in mindestens einem Fall sogar ein Kind. Natürlich ist es deshalb von Grund auf verstörend, diese Geschichte zu erzählen. Gleichzeitig bewegt sich das Ganze in einem ähnlichen Bereich wie True-Crime-Dokumentationen – sie zeigen eben die dunklen und unangenehmen Seiten der menschlichen Natur. Die eigentliche Frage lautet doch: Warum faszinieren uns solche Dokumentationen, Filme oder Serien überhaupt so sehr? Ich glaube, tief in der menschlichen Natur steckt eine Faszination für Dunkelheit, Tragödien und wahre Verbrechen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Großmutter mir früher Geschichten aus ihrer ländlichen Heimat erzählte – über Morde, Einbrüche, verschwundene Menschen und seltsame Ereignisse in ihrer Nachbarschaft. Als Kind war ich gleichzeitig schockiert und vollkommen fasziniert.
Ich wollte immer mehr hören. Mehr Geschichten über Menschen, die spurlos verschwanden, mehr Gerüchte und mehr unheimliche Legenden, die sich niemand wirklich erklären konnte. Rückblickend waren diese Erzählabende eigentlich eine frühe Form dessen, was wir heute als True Crime auf Netflix kennen. Und wenn man sich die heutigen Sehgewohnheiten anschaut, ist diese Faszination nach wie vor ungebrochen. Fast immer befindet sich irgendeine True-Crime-Dokumentation oder eine Serie über Serienmörder ganz oben in den Netflix-Charts. Deshalb halte ich dieses Interesse am Morbiden und Mysteriösen für völlig natürlich. Es ist Ausdruck menschlicher Neugier. Wir versuchen zu verstehen, was Angst, das Böse und die dunkelsten Bereiche des menschlichen Geistes ausmacht. Solange man dabei respektvoll mit den realen Opfern und den tatsächlichen Ereignissen umgeht, ist daran nichts Verwerfliches.
Tobias:
Musikalisch wirkt das Album unglaublich fokussiert und detailreich. Ihr habt erwähnt, dass ihr viel Wert auf versteckte Melodien und kleine Feinheiten gelegt habt. Wie viel Zeit ist in die Ausarbeitung der Songs geflossen, bevor ihr ins Studio gegangen seid?
Georg:
Um ehrlich zu sein, war der Zeitplan ziemlich intensiv. Wir hatten gerade erst unser Kemper-Album “Vile Postmortem Irrumatio” veröffentlicht, als wir bei LISTENABLE RECORDS unterschrieben haben. Natürlich entstand damit auch die Erwartung, zeitnah ein neues Album nachzuliefern. Deshalb mussten wir praktisch sofort wieder mit dem Songwriting beginnen. Eine der größten Herausforderungen bestand darin, die Musik für unsere Fans spannend und frisch zu halten und gleichzeitig den hohen technischen Anspruch beizubehalten, den viele mittlerweile mit MONUMENT OF MISANTHROPY verbinden. Es wäre einfach gewesen, die Formel der vorherigen Alben einfach zu wiederholen – aber genau das wollten wir nicht.
Mit jeder Veröffentlichung versuchen wir, uns weiterzuentwickeln – sei es beim Songwriting, den Arrangements, der Produktion oder beim erzählerischen Konzept. Dafür braucht man Musiker mit einer eigenen Vision und Persönlichkeit, Menschen, die Songs mit einprägsamen Hooks, abwechslungsreichen Strukturen und einer echten Dynamik schreiben können. Genau das ist eine der größten Stärken der aktuellen Besetzung von MONUMENT OF MISANTHROPY. Ich vertraue den musikalischen Instinkten und Fähigkeiten unserer Musiker vollkommen. Sie schaffen Songs, die unverkennbar nach MONUMENT OF MISANTHROPY klingen und trotzdem immer wieder neue Ideen einbringen.
Tatsächlich konnte ich in den letzten Jahren viele Songs nahezu unverändert übernehmen, so wie sie mir von unseren Gitarristen und dem Bassisten präsentiert wurden. Ich musste kaum noch größere Änderungen vorschlagen. Das Vertrauen innerhalb der Band ist inzwischen so groß, dass sich der gesamte Prozess manchmal beinahe mühelos anfühlt. Mit Musikern zusammenzuarbeiten, deren kreative Instinkte sich so natürlich mit der eigenen Vision verbinden, ist eine faszinierende Erfahrung.
Tobias:
MONUMENT OF MISANTHROPY verbinden Brutal Death Metal mit technischen Elementen und gelegentlichen Deathcore-Einflüssen. Wie hat sich euer Songwriting über die Jahre entwickelt und versucht ihr bewusst, euren Sound mit jedem Album weiterzuentwickeln?
Georg:
Die moderneren, progressiveren und teilweise auch Deathcore-beeinflussten Elemente waren bereits auf “Vile Postmortem Irrumatio” zu hören, das größtenteils von unserem Gitarristen Julius Kössler geschrieben wurde. Dieses Album hat MONUMENT OF MISANTHROPY bereits in eine dunklere und zeitgemäßere Richtung geführt. Ich halte eine solche Entwicklung für essenziell, wenn eine Band sich künstlerisch weiterentwickeln möchte.
Gleichzeitig haben unser neuer Schlagzeuger Simon und unser langjähriger Gitarrist Joe viele frische Ideen, neue rhythmische Konzepte und zusätzliche Klangfarben in den Songwriting-Prozess eingebracht. Besonders deutlich hört man dabei den Einfluss ihres Jazz-Studiums hier in Österreich. Diese Ausbildung hat ihnen ein tiefes Verständnis für Rhythmik, Dynamik, Harmonie und Komposition vermittelt, das sich ganz natürlich in unserer Musik widerspiegelt. Das Ergebnis ist ein Sound, der dynamischer und abwechslungsreicher wirkt, dabei aber jederzeit unverkennbar nach MONUMENT OF MISANTHROPY klingt. Ihre Beiträge haben unseren musikalischen Wortschatz erweitert und neue Möglichkeiten eröffnet, ohne dabei die Aggression, Intensität und Identität der Band zu verlieren.
Tobias:
Auf dem Album sind Gastmusiker zu hören, die unter anderem mit Bands wie ABORTED, ANGELMAKER, CARCOSA, ENTERPRISE EARTH und ENGULF verbunden sind. Wie sind diese Zusammenarbeiten entstanden und welchen Beitrag haben sie zum fertigen Album geleistet?
Georg:
Wie im normalen Leben auch kennt in einem engen Freundes- und Bandkreis immer irgendjemand jemanden. So entstehen viele Kooperationen in der Metalszene – und bei uns lief das genauso. Es gab keine komplizierte Planung oder monatelange Verhandlungen. Es hat sich einfach ganz natürlich ergeben. Am meisten beeindruckt hat mich, dass die Zusammenarbeit mit Johnny, Mendel, Gabe und Hal im Grunde genauso ablief wie die Arbeit mit meinen eigenen Bandkollegen. Wir haben ihnen einfach die kreative Freiheit gegeben, das zu tun, was sie am besten können. Die Ideen, die sie uns geschickt haben, fühlten sich sofort richtig an. Es gab kein endloses Hin und Her, keine Änderungswünsche und kein Hinterfragen. Sie haben beim ersten Versuch genau ins Schwarze getroffen.
Johnny Ciardullo schrieb den Song ‘Neath Tacoma Asphalt’, während Hal Microutsicos ‘Strapped To The Throne (Burn, Bundy, Burn)’ komponierte. Mendel bij de Leij spielte das Solo zu ‘Neath Tacoma Asphalt’, Gabe Mangold steuerte das Solo zu ‘The 1974 PNW Spree’ bei. Neben ihren technischen Fähigkeiten hat mich vor allem ihre Professionalität und ihr musikalisches Gespür beeindruckt. Wir sind große Fans ihrer jeweiligen Bands und es war für uns eine echte Ehre, sie auf diesem Album dabei zu haben. Musikalisch spielen sie auf einem außergewöhnlich hohen Niveau und haben genau die Energie und Kreativität eingebracht, die “Washington State Charm” noch einmal auf ein neues Level gehoben haben.
Tobias:
Die visuelle Präsentation von “Washington State Charm” ist genauso eindrucksvoll wie die Musik selbst. Wie eng warst du in die Entwicklung des Artworks und der fotografischen Konzepte gemeinsam mit Artmofate, DAEMORPH ART sowie den Fotografen Anthalerero Majere und Nachtfrost eingebunden? Und wie wichtig war es dir, dass die optische Seite des Albums die düstere Thematik widerspiegelt?
Georg:
Ich bin mit IRON MAIDEN aufgewachsen und wurde schon früh davon geprägt, wie wichtig ein starkes Cover und die gesamte visuelle Gestaltung eines Albums sein können. Für mich ist das Artwork genauso bedeutend wie die Musik selbst. Es ist schließlich das erste Tor zur Atmosphäre einer Platte. Bei unseren früheren Veröffentlichungen haben wir mit Remy Cuvelliere aus Paris zusammengearbeitet. Für das Kemper-Album und nun auch für “Washington State Charm” arbeiteten wir anschließend mit DAEMORPH ART zusammen. Ursprünglich hatten wir allerdings ein anderes Coverkonzept geplant. Das war jedoch so explizit, dass es auf Plattformen wie Spotify oder YouTube gegen die Inhaltsrichtlinien verstoßen hätte.
Deshalb mussten wir die Idee überarbeiten und holten schließlich Artmofate ins Boot. Er gestaltete das finale Artwork, das eine an einer Hinrichtung orientierte Szene rund um Ted Bundy zeigt. Das Ergebnis ist ein sehr intensives und eindrucksvolles Cover, das die Atmosphäre und Thematik des Albums aus unserer Sicht perfekt widerspiegelt. Anthalerero Majere und Nachtfrost waren für die aktuellen Bandfotos verantwortlich und haben damit ebenfalls einen wichtigen Beitrag zum visuellen Gesamtkonzept geleistet.
Tobias:
Wenn du “Unterweger” mit “Washington State Charm” vergleichst: Wo siehst du die größte Entwicklung innerhalb der Band?
Georg:
Dazwischen lag natürlich noch “Vile Postmortem Irrumatio”, unser Konzeptalbum über Ed Kemper. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir mit dem neuen Album einen weiteren wichtigen Schritt gemacht haben, um unsere eigene Identität noch stärker herauszuarbeiten.
Letztlich hängt die Entwicklung einer Band immer von den Fähigkeiten ihrer Musiker und ihrer Bereitschaft ab, sich weiterzuentwickeln, neue Techniken zu lernen und neue Einflüsse aufzunehmen. Sobald man damit aufhört, beginnt man zwangsläufig, sich zu wiederholen – und genau das ist vermutlich die größte Gefahr für jede langlebige Band. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, einen eigenen Wiedererkennungswert zu entwickeln, anstatt einfach nur wie CANNIBAL CORPSE, SUFFOCATION oder andere Legenden des Genres zu klingen. Es ist ein großer Unterschied, ob man einfach gute Death-Metal-Songs schreibt oder Musik erschafft, die sofort als MONUMENT OF MISANTHROPY erkennbar ist. Genau darauf haben wir uns immer konzentriert.
Das Schöne an der aktuellen Besetzung ist, dass sich dieser Entwicklungsprozess überhaupt nicht erzwungen anfühlt. Er passiert ganz natürlich. Wir haben Musiker in der Band, die Jazz und andere musikalische Disziplinen studiert haben und ein tiefes Verständnis für Musiktheorie, Komposition, Technik und Musikgeschichte mitbringen. Dadurch entstehen ständig neue Ideen. In vielerlei Hinsicht fühlt es sich an, als würden wir aus einem nahezu unerschöpflichen kreativen Reservoir schöpfen. Mit jedem Album eröffnen sich neue Möglichkeiten. Genau deshalb entwickelt sich die Band ständig weiter, ohne ihre eigene Identität zu verlieren.
Tobias:
Plant ihr bereits Touren oder Konzerte, bei denen Material von “Washington State Charm” live zu hören sein wird?
Georg:
Aktuell bereiten wir uns auf einige Festivalauftritte in Europa vor, bei denen wir bereits neue Songs spielen werden. Außerdem befinden wir uns gemeinsam mit unserer Booking-Agentur und LISTENABLE RECORDS in Gesprächen, um uns im Herbst einer starken Tour mit etablierten Death-Metal-Bands anzuschließen. Wir hoffen natürlich, dass alles wie geplant klappt.
Allerdings ist die finanzielle Situation in der Musikbranche derzeit alles andere als einfach. Steigende Kosten, Logistik, Transport und insbesondere die hohen Treibstoffpreise machen das Touren zunehmend schwieriger. Für 2027 stehen wir bereits mit einigen größeren Festivals in Europa und Übersee in Kontakt. Wir drücken die Daumen, dass daraus konkrete Auftritte entstehen. Wir freuen uns jedenfalls sehr darauf, das nächste Kapitel von MONUMENT OF MISANTHROPY einem noch größeren Publikum präsentieren zu können.
Tobias:
Was sind die nächsten Ziele für MONUMENT OF MISANTHROPY? Denkt ihr bereits über neues Material nach oder liegt der Fokus momentan komplett auf “Washington State Charm”?
Georg:
Genau diese Frage stelle ich mir selbst, seit wir das Album bei LISTENABLE RECORDS abgeliefert haben. Im Moment bin ich ehrlich gesagt froh, dass wir noch etwas Zeit haben, um herauszufinden, wohin uns das nächste Kapitel führen wird. Natürlich habe ich bereits einige Ideen im Kopf, aber genau wie bei den Themen unserer Konzeptalben macht es mir Spaß, das Publikum komplett zu überraschen und an einen Ort zu führen, mit dem niemand gerechnet hat. (lacht)
Ich glaube, Unberechenbarkeit ist für eine Band wie uns enorm wichtig. Sobald die Leute glauben, genau zu wissen, wie das nächste Album klingen oder welche Geschichte wir erzählen werden, geht ein Teil der Magie verloren. MONUMENT OF MISANTHROPY sollte sich immer gefährlich, verstörend und unvorhersehbar anfühlen – sowohl textlich als auch musikalisch. Deshalb kann ich versprechen, dass das nächste Album sicher nicht die naheliegendste Wahl sein wird. Oder vielleicht doch? Die Zeit wird es zeigen.
Tobias:
Gibt es noch etwas, worüber wir bisher nicht gesprochen haben und das du unseren Lesern gerne mit auf den Weg geben möchtest?
Georg:
Eigentlich haben wir die meisten Themen bereits ziemlich ausführlich behandelt. Falls ich den Lesern trotzdem noch etwas mitgeben darf, dann Folgendes: Hört euch das neue Album – und eigentlich unseren gesamten Katalog – so an, wie man früher Musik erlebt hat. Legt die Vinylplatte auf, nehmt das Cover und die Texte in die Hand und lasst euch für 35 Minuten komplett in diese Welt hineinziehen. Kein Smartphone, kein Überspringen von Songs und keine Ablenkung. Einfach eintauchen und die Atmosphäre vom ersten bis zum letzten Ton genießen. Genau so bin ich selbst mit Musik aufgewachsen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal “Reign In Blood” von SLAYER oder “Dahmer” von MACABRE gehört habe. Ich saß da, las die Texte mit und hatte das Gefühl, einen verstörenden Horrorfilm nur über Musik zu erleben. Gerade “Dahmer” hat mich damals unglaublich beeindruckt. Dieses Album hat mir regelrecht Gänsehaut bereitet, weil es so intensiv und bildhaft war.
Wenn unsere eigenen Konzeptalben über Serienmörder auch nur einen kleinen Teil dieses Gefühls vermitteln können – wenn sie Menschen für eine Weile aus der Realität herausreißen und in diese düstere, filmische Welt eintauchen lassen –, dann wäre das für uns als Band das größte Kompliment überhaupt.
Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und deine offenen Antworten! Die letzten Worte gehören dir.
Georg:
Die gesamte Band möchte sich herzlich bei LISTENABLE RECORDS, unserer Booking-Agentur THE FLAMING ARTS und natürlich bei allen Fans bedanken, die uns unterstützen. Nichts davon ist für uns selbstverständlich. Eure Unterstützung ist wirklich überwältigend.
Und natürlich auch ein großes Dankeschön an dich, Tobias.
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: MONUMENT OF MISANTHROPY / Promo

