Mit Fernando Ribeiro von MOONSPELL spreche ich im Videocall über das neue Album “Far From God”, das am 03. Juli 2026 erscheint und die Portugiesen von einer besonders atmosphärischen, nachdenklichen und zugleich typisch düsteren Seite zeigt. Fünf Jahre nach dem Vorgänger kehrt die Band mit einem Werk zurück, das sich intensiv mit Themen wie Liebe, Verlust, Religion, menschlichen Konflikten und der Bedeutung von Fantasie in einer zunehmend polarisierten Welt beschäftigt.
Bevor wir über das Album sprechen, erinnert sich Fernando an die gemeinsame Tour mit DARK TRANQUILLITY, die MOONSPELL unter anderem nach Heidelberg führte – eine Stadt, zu der die Band seit vielen Jahren eine besondere Beziehung pflegt. Im weiteren Verlauf des Gesprächs geht es um die Entstehung von “Far From God”, den Einfluss von Literatur, Philosophie und Vampirmythologie, die Bedeutung von Wahrheit und Debatten in Zeiten sozialer Medien sowie um die Frage, welche Rolle Kunst und Fantasie heute überhaupt noch spielen
können.
Ein ebenso persönliches wie tiefgründiges Gespräch mit einem Frontmann, der sich auch nach mehr als drei Jahrzehnten Bandgeschichte, seine Neugier und seinen Blick für die großen Fragen des Lebens bewahrt hat.
Tobias:
Hallo Fernando. Du bist ja schon da. Die meisten Musiker, mit denen ich spreche, kommen drei bis fünf Minuten später zum Interview. Deshalb bin ich ehrlich gesagt überrascht, dass du schon da bist.
Fernando:
Ich bin sehr deutsch, wenn es um Pünktlichkeit geht. Ich arbeite ständig mit deutschen Labels zusammen und kann es mir deshalb nicht leisten, portugiesisch zu sein. Die Termine liegen oft direkt hintereinander, deshalb zählt jede Minute. Also ja, ich bin schon da.
Tobias:
Das freut mich sehr. Ich bin wirklich froh, dass ich heute mit dir sprechen kann. Um ehrlich zu sein: Ich kenne MOONSPELL schon lange, aber so richtig intensiv beschäftige ich mich erst seit eurer Tour mit DARK TRANQUILLITY.
Fernando:
Ich glaube, das war 2024 und 2025. Wir waren in den letzten Jahren tatsächlich zweimal mit ihnen unterwegs.
Tobias:
Genau. Mit DARK TRANQUILLITY und HIRAES. Ich war damals in Heidelberg dabei.
Fernando:
Ah, Heidelberg! Wunderschöne Stadt.

Tobias:
Ja, absolut. Ich habe dort Fotos gemacht und später eine Konzertreview geschrieben. Das Konzert war wirklich großartig und hat mich dazu gebracht, noch tiefer in eure Musik einzutauchen. Die Review zum neuen Album habe ich inzwischen auch bereits fertig. Währenddessen habe ich “Far From God” intensiv gehört und mir viele Notizen gemacht. Mein Englisch ist zwar ganz ordentlich, aber in Interviewsituationen werde ich manchmal etwas nervös.
Fernando:
Keine Sorge, du musst nicht nervös sein.
Tobias:
Das ist leicht gesagt. Aber sobald wir im Interviewfluss sind, wird es meistens besser. Fünf Jahre sind seit eurem letzten Album vergangen. Was war euch bei der Entstehung von “Far From God” besonders wichtig, und wann habt ihr gemerkt, dass sich die neuen Songs in eine bestimmte Richtung entwickeln? Für mich wirkt das Album deutlich stärker von Gothic-Einflüssen geprägt.
Fernando:
Nun, um ehrlich zu sein, haben wir uns diese fünf Jahre Zeit genommen, um genau diese Frage für uns selbst zu beantworten: In welche Richtung wollen wir eigentlich gehen? Wie du weißt, sind MOONSPELL eine sehr vielseitige Band. Wir haben viele Experimente gemacht. Manche Alben sind eingängiger, andere deutlich härter. Das hängt immer vom Zeitgeist ab – übrigens ein deutsches Wort, das ich sehr mag. MOONSPELL gehört zu den Bands, die ihre Musik danach ausrichten, was sie gerade fühlen. Für Musiker ist das heutzutage nicht einfach, weil man oft in dieser Logik gefangen ist: Touren, Album aufnehmen, wieder touren, neues Album, wieder touren. Wir wollten diesen Kreislauf bewusst durchbrechen, weil wir glauben, dass er von der Musikindustrie vorgegeben wird und Kreativität eher erstickt.
Unsere Alben sind emotional. Wir müssen inspiriert sein und natürlich auch hart arbeiten. Zwei Dinge haben letztlich dazu geführt, dass “Far From God” so geworden ist, wie es geworden ist. Zum einen wollten wir ein Album mit weniger Schichten und direkteren Songs schreiben – einfacher, eingängiger und fokussierter. Zum anderen wollten wir uns wieder stärker auf die dunkle, melodische Gothic-Seite von MOONSPELL konzentrieren. 2024 hörte ich das Album “Sub Rosa In Æternum” von der finnischen Band TRIBULATION. Ein Freund rief mich damals an und fragte tatsächlich, ob ich darauf singen würde. Natürlich tat ich das nicht, aber ich war neugierig, warum er das dachte. Als ich mir das Album anhörte, stellte ich fest, dass es ein wirklich starkes Gothic-Metal-Album war – etwas, das ich seit Jahren kaum noch gehört hatte. Vieles klang entweder extrem doomig oder bewegte sich eher in Richtung Glamour und Pop. Das war einer der Auslöser, der uns wieder stärker in diese Richtung denken ließ. Aber es war keine bewusste Entscheidung nach dem Motto: “Lasst uns jetzt unbedingt dieses oder jenes machen.” Es war eher etwas, das wir gefühlt haben. Am Ende sagt uns die Zeit oft selbst, was wir tun sollen.
Tobias:
Mich beeindruckt am Album vor allem die Fantasy-Atmosphäre in den Texten. Da tauchen Vampire auf, Werwölfe und viele mystische Elemente. Auch der Titeltrack ‘Far From God’ hat mit seinem Refrain einen enormen Ohrwurmcharakter. Wenn du solche Texte schreibst: Musst du dafür in einer besonderen Stimmung sein? Vielleicht sogar in einer Art vampirischer Stimmung?
Fernando:
Nein, eigentlich nicht. Denn wenn man nur noch über Bestien schreibt oder über jemanden, der ständig auf der Suche nach Blut ist, wird das irgendwann oberflächlich. 2024 war für mich ein sehr wichtiges Jahr. Damals arbeitete ich intensiv an den Texten und an der Musik mit den anderen Bandmitgliedern. Gleichzeitig sah ich “Nosferatu” von Robert Eggers, dem Regisseur von “The Lighthouse” und “The Northman”. Es war schon lange her, dass ich einen wirklich guten Vampirfilm gesehen hatte. Als ich den Film sah, dachte ich sofort: Genau das ist es. Eggers hat die tragische Figur von Nosferatu beziehungsweise Dracula perfekt eingefangen. Die gesamte Ästhetik hat mich beeindruckt und mich gewissermaßen wieder zu meinen Wurzeln zurückgebracht. Daraufhin schrieb ich mehrere Songs über diese tragische Figur. Dracula ist für mich nicht einfach irgendein blutsaugendes Monster. Er gehört zur Literaturgeschichte – genauso wie Dr. Faustus, Frankenstein oder Dorian Gray. Es sind Figuren, denen etwas genommen wurde: Liebe, Familie, Heimat oder Identität. Aus Liebe wird Schmerz. Und genau dort liegt für mich die wahre Bedeutung des Vampirs. Deshalb schreibe ich über solche Themen. Vampire sind keine Teenager-Idole und keine oberflächlichen Fantasy-Figuren. Sie sind starke Metaphern für das Leben selbst und für den modernen Menschen. Wenn uns Liebe, Familie oder Zugehörigkeit genommen werden, entsteht in uns ebenfalls der Wunsch, etwas dagegen zu tun.
Genau darum geht es in diesen Texten. Ich hatte das Gefühl, dass es Zeit war, zu diesen Themen zurückzukehren. Und ich glaube, sie funktionieren sehr gut, weil MOONSPELL immer für mystische und atmosphärische Texte bekannt waren. Heutzutage gehen viele Bands sehr direkt politische oder gesellschaftliche Themen an. Das habe ich früher ebenfalls getan, allerdings eher metaphorisch. Aber ich denke, die Menschen brauchen heute auch Fantasie. Und Fantasie ist oft näher an der Realität, als viele glauben, denn sie wurzelt letztlich immer in der Wirklichkeit. Man vergisst oft, dass Bram Stoker Dracula nicht in Transsilvanien geschrieben hat. Er saß in einer Bibliothek und erschuf daraus eine ganze Welt. Deshalb muss ich für solche Texte nicht in einer besonderen Stimmung sein. Ich kann überall schreiben: an einem sonnigen Tag, an einem regnerischen Tag, zu Hause mit meinem Kind, unterwegs, im Flugzeug oder auf Tour. Alles spielt sich im Kopf ab. Die äußeren Umstände sind für mich nicht entscheidend. Ich brauche weder eine Kirche noch einen Friedhof, um Inspiration zu finden. Solche Orte besuche ich zwar gerne, aber schreiben kann ich überall. Wichtig sind nur Zeit, Ideen und die Bereitschaft, sie aufzuschreiben.
Fantasie war schon immer wichtig – und vielleicht ist sie heute wichtiger denn je.
Tobias:
In der heutigen Zeit ist Fantasy für viele Menschen auch eine Art Flucht aus dem Alltag. Genau deshalb habe ich “Far From God” nie als blutiges Horror- oder Vampiralbum verstanden. Für mich geht es vielmehr um Liebe, Verlust, Tragödien und menschliche Konflikte. Deshalb sehe ich den Song ‘Far From God’ auch nicht als einen anti-religiösen Song. Wenn man ihn auf seine Essenz herunterbricht, steckt darin für mich vor allem eine Geschichte über Liebe und Konflikte.
Fernando:
Ja, genau. Ehrlich gesagt habe ich mittlerweile ein gewisses intellektuelles Problem mit diesem klassischen “Anti-Gott”-Ansatz.
Natürlich hatte ich früher auch meine rebellische Phase. Ich komme aus einem katholischen Land. Portugal ist zwar nicht mehr so religiös wie früher, aber die Traditionen sind immer noch stark verankert. Diese typische Black-Metal-Haltung mit Bibeln verbrennen, Anti-Christentum und all diesen Dingen halte ich heute allerdings für völlig ausgelutscht. Das hat für mich mittlerweile etwas Zirkushaftes. Während meines Philosophiestudiums verschwanden viele meiner Bücher über Satanismus, Okkultismus und ähnliche Themen irgendwann ganz nach hinten ins Regal. Autoren wie Aleister Crowley oder Eliphas Lévi verloren für mich an Bedeutung. Stattdessen begann ich mich intensiv mit Philosophen wie Nietzsche zu beschäftigen. Diese Denker inspirieren mich wesentlich mehr als irgendwelche okkulten Lehrbücher oder starre Glaubenssysteme.
Der Mensch besteht aus Konflikten. Niemand weiß wirklich, ob Gott existiert oder nicht. Wir reden uns gerne ein, Gewissheiten zu besitzen, aber letztlich leben wir alle mit Unsicherheiten. Es gibt ein schönes Zitat, das Voltaire zugeschrieben wird. Voltaire war ein scharfer Kritiker der katholischen Kirche, aber nicht unbedingt des Glaubens selbst. Als er starb, soll er gesagt haben:
“Mit Gott muss ich meinen Frieden machen – mit dem Teufel lieber auch, man weiß schließlich nie, wo man landet.”
Für mich beschreibt das sehr gut die menschliche Existenz und die Widersprüche, mit denen wir leben. Deshalb handelt “Far From God” von Konflikten. Von Konflikten in der Liebe. Von religiösen Konflikten. Aber auch davon, wie sich monotheistische Religionen oft von ihrem ursprünglichen Ziel entfernt haben, nämlich Menschen Orientierung zu geben und das Leben friedlicher zu gestalten. Heute sehen wir religiös motivierten Terrorismus, wir sehen Kriege, Besatzungen und politische Bewegungen, die sich auf Religion berufen. Wenn ich Menschen sehe, die Religion benutzen, um Hass, Gewalt oder Spaltung zu rechtfertigen, dann denke ich ebenfalls: Sie sind weit entfernt von Gott.
Für mich bedeutet “Far From God” deshalb nicht Gottes Ablehnung, sondern vielmehr die Frage, wie weit sich Menschen von den eigentlichen Werten entfernt haben, die sie angeblich vertreten.
Tobias:
Das entspricht tatsächlich auch meiner Sichtweise. Gerade deshalb höre ich so gerne Alben, die sich mit Fantasy, Literatur, Mythen oder symbolischen Geschichten beschäftigen. Sie schaffen einen Gegenpol zu all dem, womit wir uns täglich auseinandersetzen müssen. Genau das ist einer der Gründe, warum ich “Far From God” so oft gehört habe. Für mich ist es ein Album, in dem jeder Hörer etwas Eigenes entdecken kann. Jeder wird die Texte ein wenig anders interpretieren, andere Bilder vor Augen haben und andere Bedeutungen darin finden. Und genau das macht starke Kunst für mich aus.
Fernando:
Ja, genau dafür gibt es Raum. Ich denke, wir leben heute in einer Welt, in der jeder Recht haben möchte. Die Menschen hassen es, falsch zu liegen. Wenn wir online gehen, suchen wir oft nicht mehr nach Diskussionen oder Antworten auf Fragen. Stattdessen wollen wir bestätigen, dass wir bereits recht haben. Daraus entstehen die verrücktesten Theorien und die absurdesten Lügen.
Als ehemaliger Philosophiestudent sind meine Texte bewusst offen gehalten. Sie sollen diskutiert werden können. Sie sind keine Wahrheiten, sondern meine metaphorische und fantastische Sicht auf das, was um uns herum und in uns selbst geschieht.
Ich glaube, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn es mehr Debatten und weniger Gewalt gäbe. Wenn Menschen miteinander sprechen würden, statt sich gegenseitig anzuschreien. Besonders online erlebt man oft nur noch Extreme. Jemand behauptet, die Erde sei flach, der Nächste widerspricht, und am Ende wird gekämpft. Was dabei verloren geht, ist die Wahrheit.
Und die Wahrheit ist nichts Starres. Was heute als Wahrheit gilt, kann morgen bereits anders aussehen. In den Sechzigern war vieles anders als heute, und in Zukunft wird es wieder anders sein. Deshalb denke ich, dass wir eine große Chance verschenken – sowohl in der Kommunikation als auch in der Musik. Wir könnten eine bessere Spezies sein. Genau deshalb bedeutet “Far From God” für mich auch eine Art Nietzsche’scher Gedanke. Nietzsche war Philologe. Er beschäftigte sich intensiv mit Sprache und den ursprünglichen Bedeutungen von Begriffen. Er erkannte, wie viele Ideen und Konzepte im Laufe der Zeit verfälscht oder korrumpiert wurden. Und genau das meine ich auch mit diesem Album. Wir müssen uns wieder auf die ursprünglichen Bedeutungen und Werte besinnen. Wir sollten uns auf die Suche nach Dingen machen, die wirklich Bedeutung haben und uns zu besseren Versionen unserer selbst machen. Wenn “Far From God” Menschen dazu bringt, über solche Fragen nachzudenken, dann haben wir als Band definitiv unseren Job gemacht.
Tobias:
Das erinnert mich an etwas, das ich erst vor Kurzem erlebt habe. Ich habe vor Kurzem eine Review veröffentlicht und erhielt darauf einen Kommentar, der sich ausschließlich an einem kleinen Detail festgebissen hat, während der eigentliche Inhalt des gesamten Artikels völlig unterging. Genau das ist oft das Problem im Internet. Viele Menschen suchen nur nach Fehlern. Alles, was gut gemacht wurde, wird dabei völlig übersehen. Deshalb halte ich mich aus den meisten Gruppen, Chats und Diskussionen bewusst heraus. Mir ist dieses ständige Streiten einfach zu anstrengend geworden. Online-Sein ist heutzutage zwar notwendig, aber ich gehe sehr vorsichtig damit um.
Fernando:
Das verstehe ich vollkommen. Ich selbst habe soziale Netzwerke lange Zeit komplett gemieden – genau wegen dieser Verhaltensweisen und dieser Sturheit vieler Menschen. Heute nutze ich sie hauptsächlich, um meine Arbeit und meine Projekte zu präsentieren. Natürlich kann man auf Instagram nur Hass, Streit oder belanglose Inhalte konsumieren. Aber man kann dort auch großartige Dinge entdecken. Wenn du zum Beispiel meinen Feed anschaust, findest du dort viele Beiträge über Literatur, Geschichte oder Philosophie. Es gibt fantastische Seiten, die Wissen vermitteln. Das erinnert mich an ein Buch des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk. Darin vergleicht er den Titanen Prometheus mit modernen Technologien. Prometheus stahl den Menschen das Feuer. Mit diesem Feuer konnten sie Nahrung zubereiten, Häuser bauen und Werkzeuge schmieden. Gleichzeitig konnten sie damit aber auch Kriege führen und Städte niederbrennen.
Das Internet funktioniert ähnlich. Es ist ein Feuer. Es könnte Kommunikation, Wissen, Liebe und Verständnis fördern. Die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos. Gleichzeitig besitzen wir Menschen die erstaunliche Fähigkeit, gute Dinge auf die schlechtestmögliche Weise einzusetzen. Darüber schreibe ich auch auf “Far From God”. Das ist unsere Tragödie als Menschen. Wir haben etwas Wertvolles in den Händen und schaffen es dennoch oft, das Schlechteste daraus zu machen. Genau deshalb beschäftigen sich meine Texte so häufig mit diesen Themen.
Tobias:
Das trifft auch auf Künstliche Intelligenz zu. KI könnte in der Medizin oder Wissenschaft unglaubliche Fortschritte ermöglichen. Stattdessen wird sie oft genutzt, um Bilder zu manipulieren, Fake-Videos zu erstellen oder Menschen zu täuschen. Das ist für mich die eigentliche Tragödie unserer Zeit. Viele Menschen konzentrieren sich ausschließlich auf die negativen Aspekte, ohne zu sehen, welches Potenzial dahintersteckt.
Fernando:
Genau. KI ist letztlich nur ein Werkzeug. Natürlich kann man sie für Fälschungen oder Manipulationen missbrauchen. Aber man kann sie auch sinnvoll einsetzen. Viele Menschen haben Angst vor KI. Dabei nutze ich selbst gelegentlich ChatGPT. Als Student musste ich früher tagelang in Bibliotheken verbringen, um ein bestimmtes Zitat oder eine Information zu finden. Das war eine wunderbare Erfahrung, aber gleichzeitig unglaublich zeitaufwendig. Heute sind viele Informationen sofort verfügbar. Für neugierige Menschen ist das ein fantastisches Werkzeug. Leider nutzen viele Menschen solche Technologien lieber für fragwürdige Zwecke. Das ist eine enorme Verschwendung von Zeit, Ressourcen und Möglichkeiten. Gleichzeitig wirft das natürlich interessante Fragen auf. Wie gehen wir mit diesen neuen Werkzeugen um? Wie nutzen wir all diese Möglichkeiten verantwortungsvoll? Das sind Themen, die sich hervorragend für Literatur, Romane oder Songtexte eignen. Denn letztlich bleibt die zentrale Frage:
Wie schaffen wir es, mit all diesen Schätzen, die uns zur Verfügung stehen, nicht immer wieder die falschen Entscheidungen zu treffen?
Tobias:
Um noch einmal auf das Album zurückzukommen: Wir haben über viele spannende Themen gesprochen, aber da unsere Zeit langsam knapp wird, habe ich noch eine Frage. Gibt es auf “Far From God” einen Song, von dem du glaubst, dass er dauerhaft seinen Platz in den zukünftigen MOONSPELL-Setlists finden wird?
Fernando:
Das hoffe ich sehr. Ich erzähle immer wieder die Geschichte von “Wolfheart”. Heute gilt das Album als Klassiker und hat für viele Fans beinahe Kultstatus. Als es damals erschien, sind die Menschen allerdings nicht in Scharen in die Plattenläden gerannt, um es zu kaufen. Wir mussten auf die Bühne gehen. Wir mussten auf Tour gehen. Und wir haben sehr schnell gelernt, dass man sich letztlich vor dem Publikum beweisen muss. Nehmen wir dein Beispiel: Du warst ursprünglich gar nicht so tief in MOONSPELL drin, hast uns dann aber live gesehen. Genau das macht den Unterschied. Natürlich geben wir Interviews und nutzen soziale Medien, aber Live-Konzerte lassen sich nicht erklären. Dort gibt es keine Filter. Dort zeigt sich die Wahrheit. Deshalb schreiben wir grundsätzlich Songs mit dem Gedanken, dass sie auch live funktionieren sollen.
Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass eine MOONSPELL-Show nicht nur für uns da ist, sondern vor allem für die Fans. Deshalb versuchen wir immer, neue Songs mit den Klassikern zu verbinden. Wir haben bereits ‘Across Your Heart’ und ‘Far From God’ live gespielt und die Reaktionen waren wirklich hervorragend. Außerdem erscheint noch die Single ‘The Great Wolf In The Sky’, die sich ebenfalls sehr gut für die Bühne eignet. Auf der kommenden Tour werden wir sicherlich mehrere neue Songs spielen. Vielleicht nicht das komplette Album bei jeder Show, aber vier oder fünf neue Stücke halte ich für realistisch. Wir entwickeln aktuell auch neue visuelle Konzepte und Bühnenelemente speziell für diese Songs. Deshalb hoffe ich sehr, dass “Far From God” auch live einen festen Platz im Leben der Fans finden wird.
Tobias:
Dann schließt sich direkt die nächste Frage an: Wann dürfen die Fans mit einer Tour rechnen?
Fernando:
Aktuell spielen wir die Sommer-Festivals. Wir waren bereits mit DARK TRANQUILLITY in Deutschland unterwegs und werden unter anderem auch beim PARTY.SAN auftreten. Vor Ende des Jahres werden wir voraussichtlich noch in den USA unterwegs sein. Die große Europa-Tour wird allerdings erst später stattfinden. Die Tourdaten werden nach September bekanntgegeben, stattfinden wird die Tour dann im März 2027. Und ich hoffe sehr, dass wir auch wieder nach Heidelberg kommen. Ich liebe diese Stadt. Wer unsere Social-Media-Kanäle oder unsere Website verfolgt, wird die Termine rechtzeitig erfahren. Die Tour ist bereits in Planung, wir arbeiten an einer neuen Bühnenshow und vielen neuen Ideen. Ich glaube, das wird etwas ganz Besonderes.
Tobias:
Wenn ihr wieder im Südwesten Deutschlands spielt – Heidelberg oder Frankfurt beispielsweise – werde ich definitiv dabei sein. Eine Sache ist mir noch aufgefallen: Auf der Bühne hast du erzählt, dass ‘Mephisto’ in Heidelberg geschrieben wurde. Welche Bedeutung hat Heidelberg für dich? Ist es einfach eine schöne Erinnerung oder verbindet dich mehr mit dieser Stadt?
Fernando:
Nein, tatsächlich verbindet uns sehr viel mit Heidelberg. Unser Keyboarder Pedro hat dort lange gelebt. Seine Mutter arbeitete damals bei der Deutschen Telekom, weshalb er eine Zeit lang in Heidelberg gewohnt hat. Als wir jünger waren und viel mit dem Van unterwegs waren, haben wir deshalb immer versucht, dort vorbeizukommen. Heidelberg war für uns so etwas wie ein zweites Zuhause auf Tour. Die Stadt hat eine unglaublich akademische Atmosphäre. Die Universität, die Geschichte, der Philosophenweg – ich bin diesen Weg selbst schon mehrmals gelaufen. In unserem Studio hängt sogar ein Schild mit der Aufschrift “Heidelberg”. Es ist wirklich eine unserer Lieblingsstädte in Deutschland. Wir haben dort nicht nur Konzerte gespielt, sondern auch privat viel Zeit verbracht. Pedro spricht übrigens auch Deutsch und hat dort studiert. Er verbindet viele schöne Erinnerungen mit der Stadt. Ich liebe Heidelberg. Die Natur, das viele Grün, die Geschichte – für mich ist es ein ganz besonderer Ort.
Tobias:
Fernando, wir sind leider am Ende unseres Gesprächs angekommen. Vielen Dank. Bleib gesund, hab eine gute Zeit auf Tour und sichere Reisen – sowohl in Europa als auch in den USA.
Fernando:
Danke dir, Tobias. Das können wir gebrauchen. Mach’s gut und bis hoffentlich bald. Ich wünsche dir eine großartige Zeit mit dem Album, einen tollen Sommer, viele gute Konzerte und vor allem Gesundheit.
Tobias:
Bis bald!
Fernando:
Auf Wiedersehen!
Für mich war dieses Gespräch mit Fernando Ribeiro eines der interessantesten und angenehmsten Interviews der letzten Zeit. Selten trifft man auf jemanden, der so offen, reflektiert und gleichzeitig so bodenständig über Musik, Literatur, Philosophie und das Leben spricht. Man merkt schnell, dass hinter MOONSPELL nicht nur eine außergewöhnliche Band steht, sondern auch Menschen mit Haltung, Leidenschaft und einer klaren Vorstellung davon, was Kunst bewirken kann. Besonders gefreut hat mich, dass Fernando zum Abschluss nicht nur mir persönlich alles Gute gewünscht hat, sondern ausdrücklich auch euch, die Leser. Diesen Gruß gebe ich an dieser Stelle sehr gerne weiter. Seine letzten Worte lauteten:
“Mach’s gut und bis hoffentlich bald. Grüß auch deine Leser von uns.“
Mehr muss man eigentlich nicht sagen. “Far From God” ist ein starkes Album geworden, und nach diesem Gespräch freue ich mich umso mehr darauf, MOONSPELL wieder live zu erleben.
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: MOONSPELL, Promo
Livecredit: Tobias Stahl/krachmachermusik

