VANDEN PLAS
Titel: ACCULT II
Label: Frontiers
Spieldauer: 48:19 Minuten
VÖ: 12. Juni 2026
Mitte der Neunziger gab es die Diskussion ob der Metal tot sei. Das war er nicht. Er litt nur unter Grunge und Crossover. Allerdings gab es eine Menge Unverbesserliche, die die Fahne irgendwie hoch hielten. So platzten dann irgendwann zwei Pfälzer Bands in die Prog Landschaft. Eine davon waren VANDEN PLAS. Die Band um Sänger Andy Kuntz, die Brüder Lill und den starken Keyboarder Günter Werno feierte 1994 ihr fantastisches Debüt „Colour Temple“. Was für Songs! Der Strawinsky als Einstieg in ´Father´ hat mich schon umgehauen. Auch der „ganze Rest“ war ohne Schwächen. Über Jahre hat diese Scheibe den Player blockiert. Auch später noch, denn Cesare Marcotto, der Künstler, der das Cover gestaltete, war über lange Zeit Kunstlehrer meiner Kinder. Vor hier ist es halt nicht weit in die Pfalz.
Einige Songs des Debüts und drei wunderbar gewählte Covers waren der Grundstein für „Accult“ anno 1996, VANDEN PLAS erste akustische Scheibe. Vor allem ´Des Hauts, Des Bas´ ist heute noch ein gern gehörter Gast in meiner Playlist. Danach schufen sie eine lange, starke Diskographie. Ich gestehe, da habe ich sicher einige Perlen nicht in meiner Sammlung. Leider konnte ich sie auch noch nicht live sehen. Beim letzten Besuch ihrerseits im 7er Club war ich gesundheitlich außer Gefecht. Was man noch erwähnen muss, diese Band hat eine der stabilsten Besetzungen, die ich kenne. Die Band spielt seit über dreißig Jahren zusammen. Und einzig an den Keyboards gab es einen Wechsel, als Alessandro del Vecchio für Günter Werno kam.
Doch genug Geplänkel und Erinnerungen. Denn, endlich, endlich, nach 30 Jahren setzen sie die acculte Reihe fort. Und beginnen mit einem Klassiker. ´Far Off Grace´ gewinnt für mich tatsächlich in der akustischen Version. VANDEN PLAS haben scheinbar ein Händchen, ihren Songs noch neue Perspektiven zu verschaffen. Ich würde es noch nicht einmal entschlackt nennen. Vielmehr spüre ich eine akustische Opulenz, die andere noch nicht einmal unter Strom hinbekommen. Der Titelsong des 99er Albums kommt mit einer überraschenden Dynamik. Das Klavier hallt. Es fühlt sich an wie in einem großen Konzertsaal. Drama pur.
Dass Akustik-Songs auch rocken können, wissen wir nicht erst seit gestern. Das haben uns vor sehr langer Zeit schon Tesla vorgeführt. Aber auch VANDEN PLAS beweisen das. ´Holes In The Sky´ geht doch sehr druckvoll voran. Auch hier sind Alessandros Tastenklänge führend ersticken aber die Sounds der akustischen Gitarren aber nicht. ´The Ghost Experiment´ kannte ich bisher noch nicht. Das Album gehört zu den Löchern in meiner Sammlung. Der Song an sich gehört aber jetzt zu den Highlights in der Diskographie der Pfälzer. Rhythmisch ziemlich komplex, ich brauche nicht zu versuchen, das auf den Knien mit zu trommeln, ist das Stück dennoch verdammt eingängig.
Auch wenn es zu den Lieblingssongs von Alessandro gehört, das erste Cover fühlt sich für mich ein klein wenig nach Fremdkörper auf der Scheibe an. Irgendwie will das ´Boat On The River´ von Styx für mich nicht mit den restlichen Songs harmonieren. Vielleicht fehlt da das Neue, irgendwie scheint es zu nah am Original. Dafür bekomme ich bei ´Healing Tree´ eine Armhaarerektion. Ein grandioses Stück Musik, das funktioniert in jeder Variante. Ich kenne es jau auch als Teil von Günter Wernos erstem Orchesterausflug „Anima One“. Gastsängerin Katri Hiovain-Asikainen bringt hier noch eine besondere Klangfarbe ins Spiel. Eigentlich ist sie mit ihrer Band Numento eher im Melodic Death daheim. Hört man hier gottseidank nicht. Danach folgt mit ´Postcard To God´ eine fast schon aggressive musikalische Äußerung. So aggressiv, wie akustisch eben sein kann. In diesem Falle eben nicht durch verzerrte Gitarren sondern eher durch eine gut gewählt Harmonik.
Zuerst habe ich die Augen verdreht. Wer will den noch ein ´Nothing Else Matters´? Ich will nicht mehr sagen als, hier hat man einem Gassen- und Gossenhauer wirklich noch neue Ansätze abgewonnen. Schön. Sehr schön. Das Finale wird noch mit einem prominenten Gast gewürzt. Hat man doch niemand geringeren als John Helliwell von Supertramp gewinnen können. Dieser sorgt mit seinem Saxophon in ´You Fly´ für zusätzliche melodische Farbtupfer. Ein würdiger Abschluß für einen würdigen zweiten Teil. Ich kenne kaum eine andere Band, bei der ich mir vorstellen kann, mich demnächst auf ein „Accult 3“ zu freuen.
Mario Wolski vergibt 9,5 von 10 Punkten


