MONUMENT OF MISANTHROPY – WASHINGTON STATE CHARM

MONUMENT OF MISANTHROPY

Titel: WASHINGTON STATE CHARM

Label: Listenable Records

Spieldauer: 37:08 Minuten

VÖ: 26. Juni 2026

Bevor ich das Album “Washington State Charm” von MONUMENT OF MISANTHROPY auf den Tisch bekam, hatte ich weder von der Band gehört noch zufällig irgendwo einen ihrer Songs aufgeschnappt. Ein Blick in die Historie der österreichisch-englischen Death-Metal-Formation aus Wien und London zeigt allerdings schnell, dass hier keine Newcomer am Werk sind. Bereits 2010 wurde MONUMENT OF MISANTHROPY von Sänger Georg Wilfinger (ex-MIASMA) als Soloprojekt ins Leben gerufen. Zwei Jahre später entwickelte sich daraus gemeinsam mit Schlagzeuger Romain Goulon (ex-NECROPHAGIST) und Gitarrist Jean-Pierre Battesti eine vollwertige Studioband, die mit dem Demo “Bandroom Misanthropy” erstmals auf sich aufmerksam machte. Hört man sich durch die bisherige Diskografie, wird schnell deutlich, dass die Truppe nicht einfach nur möglichst brutal klingen möchte, sondern ihre Musik auch als Ventil nutzt. Serienmörder, Gewaltverbrechen, Wahnsinn und gesellschaftliche Abgründe ziehen sich dabei wie eine blutrote, frisch entnommene Sehne durch die Veröffentlichungen von MONUMENT OF MISANTHROPY. Dabei geht es nicht nur um Schockeffekte oder Splatter-Romantik, sondern immer wieder auch um die Frage, was Menschen zu Monstern werden lässt.

Mit zwei Studioalben, einer EP, einem Demo sowie weiteren Veröffentlichungen hat sich die Band in der internationalen Death-Metal-Szene längst einen Namen gemacht. Spätestens das 2021 über TRANSCENDING OBSCURITY RECORDS veröffentlichte Album “Unterweger” sorgte auch über die Grenzen des Undergrounds hinaus für Aufmerksamkeit. Nach “How To Make A Killer” und “Vile Postmortem Irrumatio” schlagen MONUMENT OF MISANTHROPY nun mit “Washington State Charm” das nächste blutige Kapitel ihrer Bandgeschichte auf. Diesmal dreht sich alles um keinen Geringeren als den berüchtigten US-Serienmörder Ted Bundy.

Musikalisch setzen George “Misanthrope” Wilfinger (Vocals), Joe Gatsch und Julius Kössler (Gitarren), Raphael Hendlmayer (Bass) sowie Simon Martinsich (Drums) weiterhin auf eine extrem brutale Mischung aus Death Metal, technischen Finessen und moderner Härte. Gleichzeitig wagt die Band immer wieder Ausflüge in Deathcore-Gefilde und holt sich dafür Unterstützung von Musikern aus den Reihen von ABORTED, ANGELMAKER, CARCOSA, ENTERPRISE EARTH und ENGULF. Laut eigener Aussage wurde an jedem Detail gefeilt – von versteckten Melodien über kleine musikalische Spielereien bis hin zu den zahlreichen Details rund um die Geschichte Bundys. Ob “Washington State Charm” am Ende einfach “nur” ein Brutal-Death-Metal-Brecher geworden ist oder tiefer in die Eingeweide geht, schauen wir uns jetzt genauer an.

Ganze 17 Sekunden dauert Intro 01 ‘Obviously We Gotta Start Somewhere’, das mit Soundeffekten und Spoken Words versehen ist. Dann schrapnellt ‘Neath Tacoma Asphalt’ gewaltig und gehaltvoll aus den Boxen. Blastbeats jagen durch die Gehörgänge und hinterlassen bleibenden Eindruck. ‘A Hunger Unstilled’ fungiert alsinstrumentales Zwischenspiel, ehe mit ‘The 1974 PNW Spree’ der nächste Abriss beginnt. Die Band selbst beschreibt den Song als direkten Nachfolger des Vorgängeralbums – nur gemeiner, präziser und technisch ausgefeilter. Tatsächlich wirkt die Nummer wie ein akustischer Faustschlag in die Magengrube. Das Chaos und die Intensität von Ted Bundys Mordserie aus dem Jahr 1974 werden hier in brutalen Death Metal übersetzt, während Gabe Mangold von ENTERPRISE EARTH mit einem völlig entfesselten, gleichzeitig aber messerscharfen Solo zusätzliche Akzente setzt.

Nach Intro 02 ‘Unfortunately WA’ haben MONUMENT OF MISANTHROPY ihren Titeltrack ‘Washington State Charm’ im Gewehrlauf und feuern dunkle Growls genauso heftig in eure Fresse wie die giftig gefauchten Vocals eure Eingeweide durchwühlen. Musikalisch zeigt die Band hier eindrucksvoll, warum sie in den vergangenen Jahren immer weiter an ihrem Sound gefeilt hat. Gitarrist Joe Gatsch, der bereits “Unterweger” maßgeblich geprägt hat, zeichnet für die Nummer verantwortlich und entwickelte sie gemeinsam mit Drummer Simon Martinsich weiter. Trotz aller technischen Finesse bleibt genug Groove, Wucht und Brutalität übrig, um euch die Kauleiste neu zu sortieren. Inhaltlich widmet sich der Song den Entführungen von Janice Ott und Denise Naslund am Lake Sammamish State Park im Juli 1974. Mitten zwischen Familien, Badegästen und Menschen, die einfach nur einen Sommertag genießen wollten, schlug Ted Bundy zu. Genau dieser Kontrast zwischen vermeintlicher Sicherheit und plötzlichem Grauen macht ‘Washington State Charm’ so beklemmend.

Bei meinen Recherchen zu Bundy stieß ich übrigens auf einen unerwarteten „deutschen“ Bezug. Sein VW Käfer war bei vielen seiner Verbrechen nicht nur Fluchtfahrzeug, sondern oftmals auch tödliche Falle. Mit vorgetäuschtem Gipsarm lockte er Frauen an sein Fahrzeug, um sie anschließend zu entführen. Währenddessen laden MONUMENT OF MISANTHROPY in ‘Colorado Murder’ zum Headbangen ein und eröffnen mit ‘The Hacksaw Blade’ den nächsten Circle Pit. ‘Chi Omega Blood Rage’ greift die Ereignisse nach Bundys Flucht aus Colorado auf. In der Nacht des 15. Januar 1978 verübte er im Chi-Omega-Studentinnenheim der Florida State University einen seiner berüchtigtsten Angriffe. Anders als bei seinen früheren, oftmals geplanten Entführungen handelte es sich hier um einen regelrechten Blutrausch, bei dem er innerhalb weniger Minuten mehrere Frauen attackierte. Musikalisch passt die Raserei der Nummer perfekt zum behandelten Thema. Groovy beginnt anschließend ‘Suwannee Hog Shed’, entwickelt sich aber ebenfalls zu einer heftigen Attacke. Inhaltlich steht hier Kimberly Dianne Leach im Mittelpunkt, eines der letzten bekannten Opfer Bundys.

‘Could You Hear That?’ bildet Intro 03 und leitet das Finale ein. Mit ‘Strapped To The Throne (Burn, Bundy, Burn)’ endet die Konzeptscheibe dort, wo Ted Bundys Geschichte ihr Ende fand: auf dem elektrischen Stuhl. Am 24. Januar 1989 starb der Serienmörder um 07:16 Uhr morgens im Staatsgefängnis von Florida auf “Old Sparky”, während 2000 Volt durch seinen Körper jagten. Vor den Gefängnismauern feierte eine riesige Menschenmenge, skandierte „Burn, Bundy, Burn!“, verkaufte T-Shirts und zündete Feuerwerk. MONUMENT OF MISANTHROPY setzen diesem makabren Kapitel mit einem ebenso brutalen wie passenden Schlusspunkt ein Ende. Wer sich die CD-Version gönnt, bekommt mit ‘The Eye Of Ra’ zusätzlich noch eine starke NILE-Coverversion als Bonus serviert.

Mit “Washington State Charm” liefern MONUMENT OF MISANTHROPY ein Album ab, das nicht nur musikalisch brutal zuschlägt, sondern auch thematisch jede Menge Stoff zur Recherche bietet. Die Band verbindet technische Finesse, moderne Brutal-Death-Metal-Härte und gelegentliche Deathcore-Einflüsse zu einem Sound, der druckvoll, abwechslungsreich und durchweg überzeugend die Synapsen ins Wanken bringt. Gleichzeitig funktioniert das Konzept rund um Ted Bundy erstaunlich gut. Die Songs wirken nicht wie lose aneinandergereihte Gewaltfantasien, sondern erzählen eine Geschichte, die den Hörer von den ersten Verbrechen bis zur Hinrichtung begleitet und dem Album einen roten Faden verleiht. Gerade dieser reale Bezug macht für mich einen großen Teil der Faszination aus. Während des Hörens ertappte ich mich immer wieder dabei, weitere Informationen über Bundy, seine Opfer und die Hintergründe der einzelnen Kapitel nachzuschlagen. Wenn ein Konzeptalbum dazu führt, dass man sich intensiver mit der Geschichte dahinter beschäftigt, hat es bereits vieles richtig gemacht. “Washington State Charm” ist ein thematisch spannendes und musikalisch brachial starkes Album geworden, das Death-Metal-Fans definitiv antesten sollten. Feuer frei für den Niedergang Bundys.

Tobi Stahl vergibt 8 von 10 Punkten