HEL’S THRONE – NORTHWIND CHRONICLES

HEL'S THRONE

Titel: NORTHWIND CHRONICLES

Label: EIGENPRESSUNG

Spieldauer: 44:01 Minuten

VÖ: 01. Mai 2026

Manchmal stolpert man über Bands nicht durch Promo-Mails, sondern weil man sie in einem Club live sieht, direkt vor der Bühne steht und absolut begeistert von der Musik ist. Mein erster Kontakt mit HEL’S THRONE fand im 7er Club Mannheim statt, als die Sachsen-Anhalter im Vorprogramm von CREMATORY aufspielten. Was als Supportslot begann, entwickelte sich schnell zu einer spannenden Entdeckung. Der Kontrast aus den starken Clean-Vocals von Juli Blue, den Growls von Litzer, orchestralen Keyboardflächen und einer ordentlichen Portion Viking-Metal-Atmosphäre blieb im Gedächtnis. Dabei existiert HEL’S THRONE noch gar nicht so lange. Gegründet 2018 in Jessen, veröffentlichte die Band 2021 mit “Ravens Flight” ihr Debüt, legte 2025 die EP “Twilight Of Gods” nach und präsentierte mit “Northwind Chronicles” schließlich ihr bislang stärkstes und ambitioniertestes Werk. Grund genug also, einen genaueren Blick auf die Entwicklung der Band zu werfen.

“Ravens Flight” (2021)

Mit “Ravens Flight” veröffentlichten HEL’S THRONE im Jahr 2021 ihr Debütalbum und legten damit das Fundament für ihre weitere Entwicklung. Zur damaligen Besetzung gehörten Rebekka Schulze am Mikrofon, Rene Schulze an der Gitarre, Jürgen Übermuth an den Keyboards, Willy am Bass sowie Andreas Ziegler am Schlagzeug. Auf den Songs ‘Mistress Of Eternity’, ‘Ravens Flight’, ‘Ghost Of Yesterday’ und ‘Faded’ wurde die Band zusätzlich von Christian Litzba unterstützt, der die harschen Vocals beisteuerte und einige Jahre später als festes Mitglied zu einer der prägenden Stimmen von HEL’S THRONE werden sollte. Bereits auf dem Erstling setzte die Band auf die Kombination aus weiblichem Klargesang, harschen Vocals, schweren Gitarren und symphonischen Elementen. Für die Produktion zeichneten Lars Rettkowitz und HEL’S THRONE verantwortlich, aufgenommen, gemischt und gemastert wurde das Material zwischen Oktober 2020 und Juni 2021 im Emperial Sound Studio in Könnern. Sämtliche Songs stammen aus der Feder von Andy Schaf, lediglich ‘Faded’ basiert auf dem bekannten Alan-Walker-Stück und wurde von der Band neu interpretiert. Auffällig aus heutiger Sicht: Christian Litzba war damals noch Gastmusiker, sollte jedoch wenige Jahre später als festes Mitglied zu einer der prägenden Figuren von HEL’S THRONE werden. Hören wir rein in die sechs Songs von “Ravens Flight”.

Im Opener ‘Mistress Of Eternity’ erzählen HEL’S THRONE von Hel, der nordischen Göttin der Toten, und zeichnen den Tod nicht als Schrecken, sondern als friedvolle Heimkehr zu den Ahnen und als Übergang in eine ewige Freiheit. Bereits diese erste Nummer sollte den geneigten Symphonic- und Viking-Metalhead in den Bann der Band ziehen. Rabenrufe eröffnen den Titeltrack ‘Ravens Flight’, bei dem der Fokus auf den Clearvocals und epischen Melodiebögen liegt. Einen Twist in Richtung Growls und brachialerer Gangart gibt es obendrauf, was die Spannung aufrechterhält und hervorragend zum Song passt. Epische Vibes bringt auch ‘Ghost Of Yesterday’ mit. Die Nummer schlägt allerdings nicht in die deftige Kerbe der beiden Vorgänger, sondern zeigt HEL’S THRONE von einer etwas softeren Seite und stellt zugleich das Können des Keyboarders unter Beweis. ‘Tears In The Ocean’ präsentiert sich deutlich flotter, genauso wie ‘Born Again’, über das sich vor allem die Headbanger freuen dürften. Zum Schluss ist mit ‘Faded’ die Coverversion des ALAN-WALKER-Hits an der Reihe. Laut einem Streaminganbieter handelt es sich dabei um den meistgehörten Song der Band – und auch im 7er Club wurde die Nummer ordentlich abgefeiert.

“Twilight of Gods” (2025)

Vier Jahre nach “Ravens Flight” veröffentlichten HEL’S THRONE die EP “Twilight Of Gods”, bei der es sich nicht um eine klassische Veröffentlichung mit ausschließlich neuem Material handelte. Neben dem Titeltrack und ‘Odin’s Hall’ fanden sich Neuaufnahmen von ‘Ravens Flight’, ‘Shadow Of Wings’ und ‘Ghost Of Yesterday’ auf der EP. Im Vergleich zum Debüt hatte sich das Gesicht der Band inzwischen verändert: Mit Juli Blue stand eine neue Sängerin am Mikrofon, während Christian “Litzer” Litzba, der auf “Ravens Flight” noch als Gastmusiker zu hören war, inzwischen fest zum Line-up gehörte. Die neue Doppelspitze aus Julis Clearvocals und Litzers Growls beziehungsweise raueren Gesangsparts sollte den Sound von HEL’S THRONE fortan entscheidend prägen. Produziert wurde “Twilight Of Gods” erneut von Lars Rettkowitz und HEL’S THRONE im Emperial Sound Studio in Könnern. Rückblickend wirkt die EP wie ein Bindeglied zwischen “Ravens Flight” und dem späteren “Northwind Chronicles” – eine Momentaufnahme einer Band, die ihren Stil gefunden hatte und gleichzeitig den nächsten Schritt vorbereitete.

Deutlich knackiger als noch auf “Ravens Flight” gehen die Sachsen-Anhalter im Titeltrack ‘Twilight Of Gods’ zu Werke, der übrigens auch live mächtig Bock macht. Litzers derbe Growls kennen wir bereits vom Debüt, mit Juli Blue steht nun jedoch eine Sängerin am Mikrofon, deren klare Stimme HEL’S THRONE mindestens genauso gut zu Gesicht steht wie die ihrer Vorgängerin. Live ist ihr Gesang ohnehin ein Träumchen, zudem harmoniert sie hervorragend mit dem umherwirbelnden Frontmann. Beim Debüt war es noch der Coversong ‘Faded’, der die meisten Streams einsammelte, auf der EP dürfte diese Rolle eher ‘Odin’s Hall’ zufallen. Mit knackigen Shouts von Litzer und jeder Menge Viking-Atmosphäre macht der Krieger-Song brutal Laune. Die Neuaufnahmen von ‘Ravens Flight’, ‘Shadow Of Wings’ und ‘Ghost Of Yesterday’ zeigen anschließend deutlich, wie sich HEL’S THRONE in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Die Band klingt druckvoller, wuchtiger und selbstbewusster – als hätten die Sachsen-Anhalter ihre Segel gesetzt und ordentlich Nordwind als treibende Kraft aufgenommen.

“Northwind Chronicles” (2026)

Die am 01. Mai 2026 erschienene Langrille “Northwind Chronicles” brachte die Band am 14. Mai 2026 allerdings nicht in den Norden, sondern in den Südwesten Deutschlands – genauer gesagt nach Mannheim in den 7er Club. Dort spielten HEL’S THRONE im Support von CREMATORY und buchstäblich direkt vor meiner Linse, denn ich saß in der ersten Reihe, um Fotos für meinen Konzertbericht zu machen. Die Truppe begeisterte mich von der ersten Sekunde an und bestätigte einmal mehr meine Ansicht, dass man kein Feuerwerk à la RAMMSTEIN braucht, um eine verdammt gute Band zu sein. Denn was bringt dir das größte Feuer von außen, wenn du im Inneren nur auf kleiner Flamme kochst? HEL’S THRONE brannten an diesem Abend lichterloh, weckten meine Neugier und sorgten dafür, dass wir heute hier sind.

Die inzwischen feste Besetzung des Drachenschiffs um Juli Blue, Litzer, Daniel, Willy, Jürgen und Zicke präsentiert sich darauf eingespielter denn je – das ist definitiv kein Geheimnis für Fans, denn die zocken das Album ausgiebig seit Release. Verantwortlich für die Produktion zeichneten Alexander Lysjakow, Jörg “Warthy” Wartmann und HEL’S THRONE selbst, aufgenommen wurde das Album in den Soundart Recording Studios Dessau. 

Jetzt bemühen wir noch einmal das Drachenschiff, um die Fantasie anzuregen. Im Intro ‘Voices From The Wind’ pfeifen uns nordisch-eisige Winde um die Ohren, schwere Trommeln schlagen ein und Growls motivieren zum Rudern – oder eben zum Headbangen. Letzteres gelingt im Opener ‘Ragnarok’ hervorragend, denn hier liefern HEL’S THRONE einen Mix aus deftigem Geballer und jenen symphonischen Elementen ab, die die Band so gut beherrscht. ‘Chains Of The Marsh’ besitzt einen verdammt ohrwurmigen Refrain und zeigt die Verbindung aus Clean Vocals und Growls besonders eindrucksvoll. Auch die Herren an den Instrumenten liefern stark ab, setzen ihre Sängerin und ihren Sänger gekonnt in Szene – live knallt die Nummer sogar noch intensiver. ‘Last Ride Of The Valkyries’ ist zwar keine Ballade, nimmt aber dennoch etwas Tempo heraus und lädt zum Genießen ein. In ‘Over The Seas’ brechen wir zu fremden Ufern auf, wobei die Äxte hier eher als Werkzeug für knackige Saitenzauberei dienen. Die Battle-Screams von Litzer erfüllen dabei wahlweise das heimische Wohnzimmer, Konzerthallen oder Open-Air-Battlefields. In ‘Beyond The Dark’ gehen HEL’S THRONE ähnlich wie bei ‘Last Ride Of The Valkyries’ zu Werke, bevor ich mit ‘Way Of The Warrior’ meine epische Ballade bekomme. Ein solch starker Song sollte auf keiner melancholischen Playlist fehlen. Nach ‘Helheim’ führen die Wege nicht nach Walhalla zu einem Fest mit den Göttern, sondern an einen deutlich düstereren Ort. Helheim ist die letzte Heimat. Mit ‘The Prophecy’ schließen HEL’S THRONE schließlich diese Langaxt von Album. Die Band spielt hier noch einmal ihre größten Stärken aus und beendet die “Northwind Chronicles” zwar nicht so stürmisch, wie sie rund 44 Minuten zuvor begonnen haben, dafür aber umso klangvoller und hymnischer.

Mit “Northwind Chronicles” haben HEL’S THRONE den nächsten wichtigen Schritt ihrer Entwicklung gemacht. Während “Ravens Flight” noch die ersten Spuren der Band dokumentierte und “Twilight Of Gods” als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft fungierte, präsentieren sich die Sachsen-Anhalter hier so gefestigt wie nie zuvor. Symphonische Elemente, nordische Mythologie, harte Gitarren, starke Melodien und die markante Doppelspitze aus Juli Blue und Litzer verschmelzen zu einem Gesamtbild, das auf ganzer Linie überzeugt. Natürlich ist noch nicht jeder Song ein Volltreffer und an manchen Stellen darf die Band künftig gerne noch mutiger werden. Gleichzeitig zeigt “Northwind Chronicles” eindrucksvoll, welches Potenzial in HEL’S THRONE steckt. Die Songs besitzen Wiedererkennungswert, die Atmosphäre stimmt und gerade das Zusammenspiel aus den unterschiedlichen Gesangsstilen verleiht dem Album seinen eigenen Charakter. HEL’S THRONE haben ihren Sound gefunden und die Segel klar auf Zukunftskurs gesetzt. Wohin die Reise die Band auf dem nächsten Album führen wird, darf deshalb mit großer Spannung beobachtet werden.

Tobi Stahl vergibt 8 von 10 Punkten