Es gibt Bands, bei denen man irgendwann ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass sie einen noch viele Jahre begleiten werden. ENDSEEKER gehörten für mich definitiv dazu. Umso überraschender kam die Nachricht, dass mit “Coffin Born” nun das letzte Kapitel der Hamburger Death-Metal-Institution geschrieben wird. Nach zwölf Jahren, vier Alben, zwei EPs, Touren, Festivals und einer bemerkenswert konstanten Besetzung endet die Reise genau so, wie sie einst begonnen hat: mit einer EP. Grund genug also, mit Lenny nicht nur über “Coffin Born”, sondern auch über zwölf Jahre ENDSEEKER, besondere Momente, Freundschaft, Wut, Abschied und die Frage zu sprechen, wie man eine Bandgeschichte zu einem würdigen Ende bringt.
Tobias:
Hi Lenny, schön, dass wir uns nochmal sprechen. Wie geht’s dir aktuell und wie fühlt sich die Zeit rund um “Coffin Born” an? Eher Vorfreude auf die letzten Shows oder kommt langsam auch Wehmut auf?
Lenny:
Moin Tobi, mir geht es allgemein gut. Immer viel um die Ohren und es kommt keine Langeweile auf. Für mich fühlt sich das Ganze noch recht surreal an. Schon die Aufnahmen zur EP liefen anders als die Aufnahmen in der Vergangenheit. Es ist der erste Output, mit dem wir nichts reißen und nicht wachsen wollten. Das macht die ganze Phase extrem besonders für mich. Klar freue ich mich auf die Shows, die anstehen, und ich werde unsere Live-Aktivitäten definitiv vermissen.
Tobias:
Die Nachricht vom Ende von ENDSEEKER kam für viele überraschend. Wann wurde euch klar, dass “Coffin Born” tatsächlich der Schlusspunkt werden soll – und gab es einen konkreten Moment, in dem diese Entscheidung gefallen ist?
Lenny:
Wir haben den Entschluss bereits im Sommer letzten Jahres nach einer längeren Live-Pause gezogen. Wenn man in einer Eigendynamik agiert und Show an Show folgt und Album an Album, dann bleiben Momente der Reflexion oft aus. Wir tun dann Dinge, weil wir sie halt so tun. In der Pause ist aber auch bewusst geworden, wie viel wir im Laufe der Jahre für die Musik (auch gerne) geopfert haben und dass wir teilweise an die Grenzen des uns Möglichen gekommen sind. Klar spielen wir alle gerne live und das Drumherum ist super spaßig. Dennoch wird oft unterschätzt, wie viel Arbeit in einer Band steckt und dass wir diesen Einsatz aus anderen Bereichen unseres Lebens abzwacken.
Tobias:
Ihr schreibt selbst, dass ihr ENDSEEKER so beenden wolltet, wie die Band angefangen hat – als Freunde und mit einer EP. Wie wichtig war euch dieser Gedanke, die Geschichte bewusst abzuschließen?
Lenny:
Wir hatten offen über unser Ende gesprochen und wie wir es gestalten möchten. Es hätte auch die Option gegeben, direkt den Schlussstrich zu ziehen. Das hätte sich für uns aber nicht gut und authentisch angefühlt. Es gibt keinen Ärger und keinen Zorn. Es gibt nichts, das uns daran hindert, die Geschichte von ENDSEEKER konsequent bis zum Ende zu gehen. Wir tun es also, weil wir es können. 🙂
Tobias:
Wenn du auf die komplette Reise zurückblickst – von “Corrosive Revelation” über “Mount Carcass” und “Global Worming” bis heute zu “Coffin Born” – welche Menschen, Momente oder Phasen haben ENDSEEKER am stärksten geprägt?
Lenny:
Puh, das ist keine Frage, die sich einfach beantworten lässt. Ich weiß gar nicht, wie vielen hundert bis tausend Menschen ich während dieser Reise begegnet bin. Für mich war die aktive Ausübung von Musik immer die Möglichkeit, Menschen zu begegnen, denen ich sonst nicht begegnet wäre, und Erfahrungen zu sammeln, die ich sonst nicht gesammelt hätte. Das Interessante ist vielleicht, dass man sich als Band in einem Spektrum zwischen total beschissen und euphorisch welterobernd bewegt. Man lernt also über die Zeit, mit Erfolg und Misserfolg verantwortungsvoll umzugehen. Klar hat jede veröffentlichte Scheibe mich unglaublich stolz gemacht. Wir haben uns verewigt und die Musik wird auch nicht wieder verschwinden. Wir haben tolle Shows gespielt, wir haben chaotische Shows gespielt. Wir haben Herausforderungen gemeinsam genommen und sind als Freunde näher zusammengewachsen. Natürlich gab es auch Reibungspunkte. Die gibt es in jeder Beziehung und hier müssen schließlich fünf äußerst unterschiedliche Charaktere eine gemeinsame Linie finden.
Tobias:
Ihr wart über zwölf Jahre in bemerkenswert konstanter Besetzung unterwegs. Gerade im Metal ist das nicht selbstverständlich. Was war euer Geheimnis?
Lenny:
Ich denke, da gibt es kein Geheimnis. Wir sind alle unterschiedlich zueinander und haben unterschiedliche Sicht- und Vorgehensweisen in bestimmten Situationen. Dadurch wurde es auf jeden Fall nicht langweilig. Gleichzeitig haben wir uns auch verzeihen können, wenn mal etwas nicht wie im Lehrbuch läuft, und haben immer wieder Schnittstellen gefunden, die uns gestärkt haben. Ich denke, das größte „Geheimnis“ könnte sein, dass wir es irgendwie geschafft haben, über den gesamten Zeitraum ein konstantes Umfeld zu haben, das uns unsere musikalische Reise ermöglicht hat. Häufig liegen hier Gründe, die Line-up-Wechsel mit sich bringen. Plötzlich gibt es bei jemandem keine Zeit mehr für aktive Musik.
Tobias:
In der Promo sprecht ihr davon, dass euch vermutlich vor allem die Bromance fehlen wird. Was waren über die Jahre die Momente, die außerhalb der Bühne vielleicht sogar wichtiger geworden sind als Shows oder Releases?
Lenny:
Ich glaube, dass wir uns alle wirklich kennengelernt haben, wie es in einem beruflichen Umfeld sonst eher nicht die Regel ist. Wir kennen unsere Eigenheiten und können miteinander umgehen. Das finde ich auch viel wichtiger als regelmäßige wochenendliche Sauftouren. So etwas hat viel mehr Gewicht. Wir haben miteinander gelacht, wir haben miteinander Probleme gelöst und Chancen ergriffen. Letztlich ist es das gemeinsame Abenteuer, das uns so eng aneinandergeschweißt hat.
Tobias:
Mit “Coffin Born” klingt ihr für mich teilweise sogar härter und kompromissloser als auf “Global Worming”. Wie seid ihr ans Songwriting herangegangen? War von Anfang an klar, dass die letzte EP noch mal maximal auf die Zwölf gehen soll?
Lenny:
Beim Songwriting hat sich zu den vorherigen Scheiben nicht viel geändert. Die Ideen sind zu Hause in Demos geflossen und aus den Demos wurden unsere Songs. Wir schreiben die Songs so, wie wir sie fühlen. “Coffin Born” hat diese Gefühlswelten hervorgelockt. Also kein Kalkül. Die Musik ist einfach passiert.
Tobias:
‘Enemies Of Peace’ kommt mit Hardcore- und Crust-Einflüssen um die Ecke und transportiert eine klare antifaschistische Haltung. Gleichzeitig behandelt ihr auf der EP wieder politische Systeme, gesellschaftliche Entwicklungen und reale Ängste. Wird die Realität inzwischen zum größeren Horror als Zombies oder Gore?
Lenny:
Wir haben uns politisch schon immer gegen faschistische Bewegungen gestellt. Es ist kaum auszuhalten, mitanzusehen, was aus unserer Welt gerade wird. Tagtäglich treffen betagte Autokraten Entscheidungen, die sie selbst nicht mehr betreffen werden, uns aber schon. Die Konsequenzen sind verheerend. Die Spaltung der Gesellschaft in unterschiedlichen Ländern ist real. Und gleichzeitig fühlt sich das für mich so sinnlos an. Warum lassen wir das alles einfach so geschehen? Wo soll das noch hinführen? Eine gelähmte Mehrheit, der die Orientierung in diesem merkwürdigen System fehlt, um aktiv gegen destruktive Strömungen zu agieren.
Tobias:
Bei ‘No After. No Before.’ sprecht ihr vom technisch schnellsten Song der Bandgeschichte. Wolltet ihr das bewusst so – nach dem Motto “Jetzt toppen wir noch mal alles mit diesem Rundumschlag in die Fresse” – oder entwickelte sich das eher organisch?
Lenny:
Bewusst ist bei uns nichts. Es ist halt einfach so passiert. 🙂
Tobias:
‘Coffin Born’ wirkt inhaltlich weniger wie klassischer Gore, sondern eher wie eine verdrehte Wiedergeburt aus Tod, Leid und Verfall. Kannst du ein bisschen mehr über die Idee hinter dem Titeltrack erzählen – oder vielleicht Ben, der den Song geschrieben hat?
Ben:
In Zeiten, bevor Leichen obduziert wurden, kam es zu einem grausigen Phänomen, wenn schwangere Frauen starben. Im Sarg wurden sie durch Faulgase derart stark aufgebläht, dass der Fötus aufgrund des Drucks durch den Geburtskanal nach außen geschoben wurde. Eine Leiche hat also ein totes Baby geboren. Uns war das natürlich so noch viel zu harmlos, deswegen haben wir das Baby zu einem Zombie gemacht, das erst mal die eigene Mutter frisst, bevor es sich zur Oberfläche gräbt, um die Lebenden zu terrorisieren. Farbenfrohes Death-Metal-Entertainment. ^^
Tobias:
Dann wäre da natürlich noch ‘True Survivor’. Dass ENDSEEKER zum Abschied David Hasselhoff covern und Chris Harms von LORD OF THE LOST dazuholen, stand vermutlich bei wenigen auf der Bingo-Karte. Wie kam es dazu?
Lenny:
Für uns stand in der Musik immer Spaß im Vordergrund. Bei all der Ernsthaftigkeit, die unser Dasein aktuell dominiert, war es uns ein wichtiges Zeichen, eine ganz entspannte lustige Nummer als Ausrufezeichen des letzten Outputs unserer Bandgeschichte zu setzen. Vielleicht auch als Mahnmal, dass es vollkommen sinnlos ist, sich selbst zu ernst zu nehmen und auch für das Unvorhergesehene offen zu bleiben. Ben hatte damals die Idee für das Cover und die Kollaboration mit Chris. Wir waren uns alle schnell einig, dass wir das machen wollen.
Tobias:
Wenn wir kurz abschweifen: Nach Weiher muss ich natürlich noch mal fragen – gab’s eigentlich häufiger solche Momente, in denen Fans Songs komplett falsch interpretiert haben? Mein Cunt Blood Vampire-Moment dürfte ja nicht der einzige gewesen sein.
Lenny:
Wir sprechen tatsächlich eher selten über textliche Inhalte mit den Fans. 🙂 Ich muss dir aber auch sagen, dass ich bei Songtexten anderer Bands immer den für mich relevanten Inhalt herausinterpretiere. Das sind meiner Auffassung nach auch die besten Texte, wenn sie Interpretationsspielraum lassen.
Tobias:
Wenn man bedenkt, dass “Coffin Born” gleichzeitig das letzte Kapitel von ENDSEEKER markiert, bekommt das Artwork fast noch eine zweite Bedeutung. Steckt darin bewusst Symbolik für das Ende der Band – nach dem Motto: Aus einem Ende entsteht vielleicht irgendwann etwas Neues – oder interpretiere ich da zu viel hinein?
Lenny:
Das ist hier auch wieder das Schöne. Du interpretierst das für dich Sinnvollste. Der Titel an sich lässt ja auch schon Interpretationsmöglichkeiten zu. Ich denke, wir können das so stehen und für sich sprechen lassen.
Tobias:
Ihr habt in zwölf Jahren einiges erlebt – von kleinen Clubs bis Festivals, von den frühen Releases bis zu METAL BLADE. Gibt es einen Moment, bei dem du heute noch denkst: Scheiße, das ist gerade wirklich passiert? Ein Konzert, eine Tour, eine Begegnung oder einfach ein komplett absurder ENDSEEKER-Moment?
Lenny:
Da gibt es mehrere Momente. Ich versuche mich hier auf ein paar zu beschränken. Der erste krasse Moment war wohl, als wir unseren ersten Plattenvertrag unterzeichnet haben, bevor wir auch nur eine Show gespielt haben. Der Wechsel zu METAL BLADE hat diesen Moment gefühlt tausendfach verstärkt wiederholt. Wir konnten das gar nicht so recht fassen. Für mich war auch mega krass, dass wir auf dem 70k-Kreuzfahrtschiff in der Karibik gespielt haben. Das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht erhofft. Und dann betreten wir den Flieger, um nach Miami zu fliegen, und wir realisieren: „Verdammt noch mal, das findet wirklich statt!“
Tobias:
Mit etwas Abstand: Gibt es Songs aus eurer Diskografie, auf die du heute anders blickst als zum Zeitpunkt ihrer Entstehung? Vielleicht Stücke, die live gewachsen sind oder deren Bedeutung sich verändert hat?
Lenny:
Ich denke, das trifft auf fast jeden Song zu. Während der Entstehung schauen wir komplett anders drauf und freuen uns einfach, geilen Lärm zu machen. Irgendwann kommt die Live-Komponente hinzu. Und wir realisieren erst dann, wie das Publikum das alles empfindet. Manche Songs sind für mich massiv gewachsen, weil ich spätere persönliche Verluste damit besser verarbeiten konnte.
Tobias:
Die Abschiedstour steht an. Was dürfen Fans erwarten – eher nostalgischer Rückblick oder kompletter Abriss bis zum letzten Feuerfunken, der aus den Instrumenten sprüht?
Lenny:
Wir bleiben uns auch bei den letzten Shows selbst treu. Wir werden ENDSEEKER spielen und die Zuschauer werden ENDSEEKER erleben. Es wird eine geile und intensive Tour und ich freue mich schon sehr darauf.
Tobias:
Die große Frage zum Schluss: Wenn 2027 keine neue ENDSEEKER-Musik mehr erscheint – wie geht es dann mit euch weiter, also als einzelner Mucker?
Lenny:
Wir haben ja alle auch ein Leben neben der Musik. Ich arbeite gerade an einem privaten Projekt, das ich gerne umsetzen möchte und das nichts mit Musik zu tun hat. Jury hat schon ein neues Projekt begonnen, mit dem er nach ENDSEEKER arbeiten möchte. Ben hat ein Tattoo-Studio eröffnet.
Tobias:
Glaubst du, dass man musikalisch irgendwann wirklich komplett abschließen kann? Oder wird es immer diesen Gedanken geben: Ein ENDSEEKER-Song noch. Eine brutale Show noch.
Lenny:
ENDSEEKER wird immer eine große Rolle in meinem Leben spielen. Hat mich die verrückte Zeit in der Band doch durch so viele Entwicklungsschritte begleitet. Sei es beruflich oder auch privat. Ohne die Zeit mit ENDSEEKER wäre ich vermutlich nicht der, der ich heute bin. Dennoch ist uns allen in der Band sehr klar, dass dieser Abschnitt nun endet und wir werden auch nicht wieder zurückkommen.
Tobias:
Wenn ihr 2015 auf die kommenden zwölf Jahre geschaut hättet – vier Alben, METAL BLADE, Touren, Festivals, treue Fanbase – hätten die damaligen ENDSEEKER euch das überhaupt geglaubt?
Lenny:
Nie im Leben hätte ich das gedacht. Wir haben damals begonnen, um eine gute gemeinsame Zeit zu haben und gute Songs zu schreiben. Wir haben sogar darüber gesprochen, dass es sich aber in Grenzen halten muss, weil wir alle noch so viel anderes zu tun haben. Und dann kam alles ganz anders und hat eine extreme Eigendynamik aufgebaut. Wir sind sehr dankbar für die vergangenen zwölf Jahre und für alle, die uns in dieser Zeit begleitet und supportet haben. Das werden wir euch nie vergessen.
Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und die Antworten – und natürlich auch für zwölf Jahre ENDSEEKER. Ich wünsche euch für die letzten Shows einen würdigen Abschied, volle Clubs und noch mal ordentlich Abriss auf den letzten Metern.
Habe ich irgendetwas Wichtiges vergessen oder gibt es noch Themen rund um “Coffin Born” oder die Zukunft, die wir bisher nicht angesprochen haben, die dir aber wichtig wären?
Lenny:
Du hast alles sehr gut abgebildet, vielen Dank dafür!
Tobias:
Die letzten Worte gehören dir: Was möchtest du ENDSEEKER-Fans, Death Heads und unseren Lesern zum Abschied noch mit auf den Weg geben?
Lenny:
Vielen Dank für den jahrelangen Support und die gemeinsame Reise. Wir sehen uns auf unserer Abschiedstour! Habt ihr schon eure Tickets? 🙂
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Florian Lübke, Livepics Tobias Stahl

