Ich bin auf BLOODHUNTER eher zufällig über Social Media aufmerksam geworden – und genau damit landet man schon mitten in einem Thema, das Sängerin Diva Satanica beschäftigt. Denn während “Sons Of The Abandoned” musikalisch zwischen Melodic Death Metal, Härte und neuen Facetten pendelt, geht es inhaltlich auch um Sichtbarkeit, Entfremdung, persönliche Erfahrungen und den Druck einer Musikindustrie, die sich ständig verändert. Im Interview spricht Diva Satanica über die Entstehung des Albums, Social Media, weibliche Stimmen im Extreme Metal – und darüber, warum sich viele Bands ihrer Generation manchmal „verlassen“ fühlen.
Tobias:
Hallo, mein Name ist Tobias. Freut mich, dich kennenzulernen.
Diva Satanica:
Hallo! Freut mich ebenfalls.
Tobias:
Das führt mich direkt zu meiner ersten Frage: Wie möchtest du denn angesprochen werden? Ist “Diva” okay oder bevorzugst du einen anderen Namen?
Diva Satanica:
Diva ist völlig in Ordnung. Die Leute außerhalb Spaniens, die mich kennen, nennen mich meistens so – deshalb passt das absolut.
Tobias:
Hallo Diva. Wie geht es dir aktuell und wo erwische ich dich gerade?
Diva Satanica:
Oh, wir stecken gerade mitten in der Promotion für unser neues Album “Sons Of The Abandoned”. Es wird unser viertes Studioalbum und aktuell geben wir viele Interviews. Gleichzeitig arbeiten wir an der Setlist für die kommenden Shows, bereiten neues Material vor, das nächstes Jahr erscheinen soll, und proben die neuen Songs intensiv. Im Moment dreht sich also vieles darum – und wir sind super gespannt auf das, was als Nächstes kommt.
Tobias:
Seid ihr vor dem kommenden Release irgendwie nervös? Nicht nervös im negativen Sinne, eher aufgeregt und voller Vorfreude. Ich schätze, das gilt wahrscheinlich für die ganze Band.
Diva Satanica:
Definitiv, denn seit dem vorherigen Album sind ungefähr vier Jahre vergangen. Das ist eine lange Zeit. Eigentlich hatten wir dieses Album schon deutlich früher fertig – ich glaube, Ende 2024 war bereits alles abgeschlossen. Aber wir mussten einige Veröffentlichungen und Termine verschieben, weil Labels natürlich ihre eigenen Zeitpläne und Prioritäten haben. Daran muss man sich manchmal anpassen.
Rückblickend hat sich das Warten aber absolut gelohnt, denn sie (DMG, Anmerkung des Autors) leisten großartige Arbeit bei der Promotion. In jede Veröffentlichung wird viel Einsatz gesteckt und das schätzen wir sehr. Wir freuen uns riesig, weil dieses neue Album schon jetzt viele gute Dinge mit sich bringt. Wir tauchen erstmals in internationalen Playlists auf, Metal Hammer hat unsere vorherige Single ‘Threshold Of Hell’ als eine der besten Veröffentlichungen der Woche ausgewählt – insgesamt gibt es bereits viele positive Nachrichten. Dafür sind wir wirklich dankbar.
Tobias:
Um ehrlich zu sein, bin ich auf BLOODHUNTER aufmerksam geworden, als ich durch Instagram gescrollt habe. Ihr hattet einige Beiträge geteilt und es gab auch ein paar private Nachrichten. So bin ich letztlich bei BLOODHUNTER “gelandet”.
Und du hast recht, was die internationalen Playlists angeht. Vorher hatte ich BLOODHUNTER ehrlich gesagt nicht wirklich auf dem Schirm, was im Nachhinein sehr schade ist. Nachdem ich mich mehr mit euch beschäftigt habe, habe ich angefangen, nach euren früheren Veröffentlichungen zu suchen, weil ich sie gern meiner Plattensammlung hinzufügen wollte. Aber etwas zu finden war gar nicht so einfach – und wenn doch, dann ziemlich teuer.
Diva Satanica:
Das liegt daran, dass wir unseren Webshop umstellen mussten. Über die Jahre haben wir mit verschiedenen Labels zusammengearbeitet, deshalb hat sich unser Shop mehrfach verändert. Jetzt findet man alles über unsere Website – https://www.bloodhunter.net/home – oder auch über Instagram beziehungsweise Spotify. Dort gibt es unsere früheren Alben, Merch, Gitarrenplektren, Aufnäher – eigentlich alles.
Was Vinyl betrifft, ist das tatsächlich das erste Mal, dass wir eine Vinyl-Version veröffentlichen. Unser neues Album bekommt erstmals eine Vinyl-Edition, weil frühere Labels davon nicht wirklich überzeugt waren. Hier in Spanien – generell in mediterranen Ländern – gibt es ein großes Problem innerhalb der Musikindustrie. Physische Tonträger verkaufen sich hier längst nicht so gut wie zum Beispiel in Deutschland, der Schweiz oder anderen nordeuropäischen Ländern.
Es war also ein echter Kampf, weil wir wissen, dass die Leute das wollen und viele Fans immer wieder nach Vinyl gefragt haben. Deshalb freuen wir uns umso mehr, dass wir zum Release dieses Albums endlich eine Vinyl-Ausgabe haben.
Tobias:
Ich kenne das tatsächlich ein wenig aus Spanien. Ich weiß nicht, ob dir der Musiker Rex Chiesa etwas sagt – er ist gleichzeitig auch Arzt. Hast du den Namen schon einmal gehört?
Diva Satanica:
Von ANCIENT SETTLERS? Ja, er ist ein enger Freund von uns.
Tobias:
Ja, ich habe schon mehrere Interviews mit ihm geführt – ich weiß gar nicht mehr, wie viele genau. Die aktuelle Veröffentlichung habe ich sogar auf Vinyl hier. Dabei ist mir aufgefallen, dass es in Spanien unglaublich viele starke Bands gibt, die in Deutschland kaum wahrgenommen werden. Umso mehr freue ich mich, dass ich euch über Instagram entdeckt habe.
Tobias:
Dann zur nächsten Frage:
Wenn du BLOODHUNTER heute anschaust und mit den frühen Jahren vergleichst – vielleicht sogar mit den Anfängen: Was fühlt sich heute anders an? Musikalisch, aber vielleicht auch persönlich?
Diva Satanica:
Als wir angefangen haben, waren wir natürlich jünger und hatten noch nicht die Erfahrung oder die geschärften Fähigkeiten von heute. Wie bei jeder Band lernt man mit der Zeit. Beim ersten Album weiß man oft noch nicht genau, was man tut. Man hat eine Vorstellung davon, welche Art von Musik man machen möchte, aber es gibt unzählige Dinge drumherum, die man ebenfalls lernen muss.
Man muss sich mit Artwork beschäftigen, mit Videodrehs, Social Media, Organisation – all die Dinge hinter den Kulissen, die man oft selbst übernehmen muss. Und der Markt beziehungsweise die Industrie haben sich stark verändert. Social Media ist heute unglaublich wichtig. Es macht wahrscheinlich 60 Prozent der Arbeit aus, wenn es darum geht, eine Veröffentlichung zu promoten.
Ich lese darüber inzwischen viel, weil ich mich frage, wie andere Bands ihren Erfolg aufgebaut haben. Vor ein paar Tagen habe ich beispielsweise einen Artikel über SPIRITBOX gelesen und darüber, wie sie jahrelang hinter den Kulissen gearbeitet haben, bevor der größere Erfolg kam. Sie haben sogar schon Inhalte für ihren YouTube-Kanal produziert, bevor sie überhaupt live gespielt haben.
Das war für mich irgendwie schockierend, weil es heute manchmal so wirkt, als wäre das eigentliche Spielen fast das Letzte, worum es geht, wenn man Musiker ist. Das finde ich auch etwas traurig, denn man muss ständig beweisen, dass man gut genug ist, um mit bestimmten Bands auf Tour zu gehen oder wahrgenommen zu werden.
Es war also nicht immer einfach. Aber ich denke, wir haben trotzdem viele großartige Dinge erreicht. Wir waren in China, sind zweimal durch Asien getourt – zuerst mit INFECTED RAIN, später mit JINJER. Letztes Jahr haben wir beim GRASPOP gespielt.
Wir haben uns in dem, was wir tun, stetig verbessert und ich glaube, genau das hat zu diesen Ergebnissen geführt. Deshalb sind wir sehr glücklich, weil sich letztlich alles, woran wir gearbeitet haben und was wir verbessern wollten, gelohnt hat.
Tobias:
Wenn euer Instagram nicht funktionieren würde, hätte ich euch wahrscheinlich nie entdeckt. Insofern ist das natürlich auch etwas Gutes. Und was INFECTED RAIN und JINJER angeht – ich habe JINJER vor zwei oder drei Jahren beim SUMMER BREEZE gesehen. Live sind sie wirklich beeindruckend. Die Stimme von Tatiana ist unglaublich kraftvoll – in gewisser Weise ähnlich wie deine.
Ich entdecke Musik oft live, auf Festivals oder Konzerten. Aber du hast recht: Instagram, Facebook, TikTok oder YouTube sind heute enorm wichtig. Und manchmal frage ich mich, ob Bands wie HELLOWEEN heutzutage genauso groß geworden wären, wenn sie von Anfang an mit sozialen Medien hätten arbeiten müssen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie Michael Kiske Inhalte für Facebook erstellt.
Diva Satanica:
Vielleicht würden sie es trotzdem machen, einfach weil sie wissen, wie wichtig es ist. Selbst wenn es nicht über persönliche Profile läuft, verfolgen sie vermutlich, was passiert, kennen neue Veröffentlichungen und beobachten die Szene. Ich glaube, letztlich ist heute fast jeder auf irgendeine Weise involviert – genau das zeigt, welchen Stellenwert Social Media inzwischen hat.
Tobias:
Ja, stimmt. Ich glaube, sie haben Leute, die ihre Accounts betreuen, aber vermutlich lesen sie trotzdem mit, was die Leute wollen.
Wenn du “Sons Of The Abandoned” innerhalb eurer Diskografie einordnen müsstest – wo würdest du das Album einordnen? Was macht dieses Album für dich besonders? Ist es der Sound, die Entwicklung oder etwas anderes?
Diva Satanica:
Ja, absolut – eigentlich alles, was du gerade genannt hast. Zum ersten Mal haben wir mit einem anderen Produzenten für den Mix gearbeitet: Tue Madsen, der bereits mit Bands wie OPETH, MESHUGGAH oder MOONSPELL gearbeitet hat. Wir wollten schon lange mit ihm zusammenarbeiten, waren uns aber nie sicher, ob der richtige Zeitpunkt dafür gekommen war. Bei diesem Album hatten wir schließlich das Gefühl: Jetzt passt alles.
Wir sind sehr glücklich mit dem Ergebnis, weil er genau verstanden hat, was wir brauchen. Gleichzeitig hatten wir nie das Gefühl, unsere Identität zu verlieren oder alles komplett verändern zu müssen. Wir haben die perfekte Balance gefunden. Wenn wir heute unsere älteren Alben hören, nehmen wir den Unterschied deutlich wahr – und das ist ein großartiges Gefühl, weil man merkt: Wir haben uns verbessert.
Natürlich versuchen wir immer, die Messlatte höher zu legen. Gleichzeitig haben wir neue Dinge ausprobiert. Bei den Texten zum Beispiel habe ich mich früher oft hinter Metaphern versteckt. Ich interessiere mich sehr für Philosophie und habe persönliche Erfahrungen eher indirekt verarbeitet. Bei diesem Album habe ich einfach angefangen zu schreiben, ohne große Absicht oder Erwartungen.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, einen Weg gefunden zu haben, persönlicher zu schreiben, ohne dass es sich kitschig anfühlt. Denn wenn man in einer Extreme-Metal-Band spielt, fragt man sich manchmal: Interessiert sich überhaupt jemand für das, was ich zu sagen habe? Oder für meine Erfahrungen?
Dieses Mal kam alles sehr natürlich. Und das war fantastisch, weil meine Lieblingsalben als Fan oft diejenigen sind, mit deren Texten ich mich identifizieren kann. Ich glaube, das ist das erste Mal, dass uns genau das gelungen ist.
Beim vorherigen Album “Knowledge Was The Price” war vieles sehr technisch. Wir waren fast besessen von Songstrukturen und bestimmten Mustern beim Schreiben. Dieses Mal haben wir uns gesagt: Lass uns freier arbeiten. Wenn etwas härter klingt – okay. Wenn etwas punkiger klingt – auch okay.
Wir sagen oft scherzhaft: Wenn ich nicht Sängerin dieser Band wäre, dann wäre BLOODHUNTER wahrscheinlich gar keine Extreme-Metal-Band, weil wir so viele unterschiedliche Einflüsse haben. Mit diesem Album hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, all diese Einflüsse zusammenbringen zu können. Die Songs sind sehr unterschiedlich – und ich denke, genau das macht dieses Album besonders.
Tobias:
Kurz bevor wir mit dem Interview begonnen haben, habe ich das Album noch einmal gehört. Der Einstieg ist ziemlich heftig – ein echter Extreme-Metal-Brecher. Über das gesamte Album hinweg gibt es diese Wucht, die schweren Riffs, stellenweise thrashige Elemente, aber immer mit dieser melodischen Death-Metal-Basis.
Und dann taucht plötzlich das instrumentale Stück auf. Es wirkt fast wie eine Art Pause, aber nicht im Sinne eines klassischen Breakdowns aus dem Metalcore, sondern eher wie ein Moment, in dem der Hörer kurz durchatmen kann – bevor der nächste Song wieder ordentlich zuschlägt. Das fühlt sich fast wie eine Achterbahnfahrt an.
Während ich das Album gehört habe, hatte ich außerdem den Eindruck: Es klingt klar nach BLOODHUNTER, gleichzeitig gibt es aber diese neuen Facetten, von denen du gesprochen hast – ich nenne sie einfach mal Experimente. Habt ihr darüber vorher bewusst gesprochen oder ist das eher organisch während des Prozesses entstanden?
Diva Satanica:
Vor den Studioaufnahmen arbeiten wir immer mit einer Vorproduktion, weil wir die Zeit im Studio möglichst effizient nutzen wollen. Jeder kommt also perfekt vorbereitet, kennt seine Parts und weiß genau, was zu tun ist.
Aber während dieser Vorproduktion haben wir uns erlaubt, Dinge organisch entstehen zu lassen – genau so, wie du es beschreibst. Früher haben wir vieles überdacht: Songstrukturen, bestimmte Stimmungen oder ob etwas vielleicht zu positiv klingt, weil man Angst hat, Extreme-Metal-Fans könnten enttäuscht sein.
Dieses Mal haben wir damit aufgehört. Es war eher: Uns gefällt, wie es klingt – also machen wir es. Ohne darüber nachzudenken, wohin das stilistisch führt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass alles sofort am richtigen Platz war.
Tobias:
Wenn ich Extreme Metal mit weiblichem Gesang höre – und das ist vielleicht ein bisschen unfair –, ziehe ich oft Vergleiche zu ARCH ENEMY. Ich schätze, diesen Vergleich habt ihr schon häufig gehört.
Das passiert auch, wenn ich Bands wie MISSION IN BLACK höre oder HIRAES mit Britta Görtz…kennst du sie?
Diva Satanica:
Natürlich. Britta ist eine der großartigsten Sängerinnen überhaupt. Sie ist fantastisch.
Tobias:
Ja, ich habe sie schon getroffen und auch live gesehen. Irgendwie vergleicht man automatisch. Gerade bei ARCH ENEMY mit Alissa White-Gluz hatte ich in den letzten Jahren manchmal das Gefühl, dass mir etwas fehlt – vielleicht eine gewisse Rauheit oder Aggressivität.
Und genau das höre ich bei BLOODHUNTER. Da ist diese Wut in deiner Stimme, etwas sehr Direktes, Aggressives. Ich glaube, genau das wird vielen Extreme-Metal- und Melodic-Death-Metal-Fans gefallen. Deshalb denke ich, dass das Album in der Szene sehr gut ankommen wird. Ich habe es mehrfach gehört – sogar beim PlayStation-Spielen und solchen Sachen. Und ich mag es wirklich sehr.
Zu den Themen: Du hast vorhin Identität, innere Kämpfe oder toxische Umfelder erwähnt. Gerade bei Social Media gibt es davon ja mehr als genug. Würdest du sagen, dass das die zentralen Themen des Albums sind? Ich würde nicht unbedingt von einem Konzeptalbum sprechen, aber vieles scheint sich darum zu drehen.
Und noch etwas: Sind diese Themen stark mit deinem eigenen Leben verbunden? Schreibst du eher über persönliche Erfahrungen oder sind die Texte fiktional?
Diva Satanica:
Ja, vor allem basieren die Texte auf persönlichen Erfahrungen oder auf der aktuellen globalen Situation. Also auf Politik, Kriegen, aber auch auf Dingen, die ich über die Jahre erlebt habe – sowohl innerhalb der Musikindustrie als auch in meinem Privatleben. Letztlich hängt alles irgendwie zusammen.
Das ist wahrscheinlich einer der größten Unterschiede bei den Texten dieses Albums, weil sich mein Schreibprozess verändert hat. Normalerweise höre ich ein Instrumental, das mir die Jungs schicken, und versuche daraus Gefühle oder Bilder zu entwickeln. Dieses Mal habe ich mich manchmal einfach beim Schreiben erwischt, weil ich über etwas nachgedacht habe. Und später, wenn wir einen Song hatten, bin ich zu diesen Texten zurückgekehrt und habe alles miteinander verbunden.
Es ging nicht darum, etwas Egozentrisches zu machen oder der Welt unbedingt etwas mitteilen zu müssen. Aber ich hatte das Gefühl, dass manche Dinge wichtig genug sind, um darüber zu sprechen – über die Zeit, in der wir leben.
Wir leben in einer Ära voller Individualismus, falscher Werte und einem verzerrten Bild davon, was wirklich wichtig ist. Durch soziale Medien scheint jeder ständig perfekt oder erfolgreich zu sein, während viele Menschen in Wirklichkeit kämpfen. Und vielleicht ist das Verrückteste daran, dass wir inzwischen vieles einfach als normal akzeptieren.
Es scheint normal geworden zu sein, dass Kriege stattfinden, Menschen sterben, hungern, psychische Probleme haben – und kaum jemand spricht noch darüber, weil wir alle mit unseren eigenen Problemen beschäftigt sind. Aber ich möchte nicht schweigen. Ich weiß, dass Menschen leiden, und ich möchte diese Mauer des Schweigens ein Stück weit durchbrechen.
Und während du vorhin über Vergleiche gesprochen hast: Wenn eine Band eine weibliche Sängerin hat, wird sofort versucht, Verbindungen zu anderen Sängerinnen zu ziehen – über viele Jahre war ARCH ENEMY dabei natürlich die erste Referenz. Aber inzwischen gibt es so viele großartige Bands, dass solche Vergleiche manchmal unfair wirken.
Britta Görtz zum Beispiel klingt überhaupt nicht wie andere Sängerinnen. Ich habe vor ein paar Wochen ein Interview mit Tatiana von JINJER gesehen, in dem sie sich genau darüber beschwert hat: Warum werden weibliche Sängerinnen immer nur mit anderen weiblichen Sängerinnen verglichen? Warum nicht einfach mit allen Sängern desselben Genres? Und ich finde, das ist absolut nachvollziehbar.
Deshalb stecken in den Texten viele unterschiedliche Erfahrungen, die ich über die Jahre gesammelt habe. Es geht nicht nur um Politik und das Album hat auch kein übergeordnetes Konzept. Es sind viele verschiedene Gedanken und Perspektiven, zusammengefügt aus meiner eigenen Sicht.
Tobias:
Ja, diese Vergleiche mit anderen Sängerinnen versuche ich in meinen Rezensionen eher zu vermeiden. Ich schreibe ungern Dinge wie: “Das ist eine Female-Fronted-Band.” Für mich spielt es keine Rolle, ob eine Band von einer Frau oder einem Mann angeführt wird. Die entscheidende Frage ist doch: Rockt das Album oder nicht?
Vielleicht kommen wir irgendwann an den Punkt, an dem nicht mehr unterschieden wird zwischen “Band mit Sängerin” oder “Band mit Sänger”, sondern einfach nur noch: Band. Das wäre aus meiner Sicht der richtige Weg.
Diva Satanica:
Ja, ich verstehe, warum das eine Zeit lang wichtig war. Früher gab es deutlich weniger Frauen in der Szene, deshalb musste man sichtbar machen: Hier gibt es eine Frau, dort gibt es eine Frau. Aber ich glaube, heute hilft uns das nicht mehr wirklich weiter – genau wie du sagst.
Tobias:
Gab es eigentlich eine Sängerin, die dich inspiriert hat, selbst in den Metal einzusteigen?
Diva Satanica:
Die erste Sängerin, die ich überhaupt gesehen habe – damals über YouTube –, war Sabina Classen von HOLY MOSES. Sie war die erste Frau, die ich mit extremen Vocals erlebt habe.
Die erste Sängerin, die ich live gesehen habe, war Angela Gossow während ihrer Zeit bei ARCH ENEMY. Das waren die ersten beiden großen Eindrücke.
Danach habe ich mich immer tiefer in die Extreme-Metal-Szene eingegraben. Eine meiner Lieblingsbands waren später immer TRISTESSA beziehungsweise ASTARTE – eine der ersten reinen Black-Metal-Bands mit Frauenbesetzung. Für mich waren sie echte Pionierinnen.
Sie haben viele Mauern eingerissen und gezeigt, dass so etwas möglich ist. Für Kids wie mich damals war das wichtig, weil man plötzlich dachte: Vielleicht kann ich das auch versuchen. Und ich glaube, genau deshalb haben solche Vorbilder eine enorme Bedeutung.
Tobias:
Ja, Sabina Classen – von den letzten Veröffentlichungen habe ich einiges hier. Und Angela Gossow ist für mich immer noch die prägendste Sängerin von ARCH ENEMY. Beide haben diese tiefe Wut oder Aggressivität in der Stimme – und genau das mag ich. Ähnlich wie bei dir.
Der Albumtitel “Sons Of The Abandoned” wirkt sehr schwer. Wenn ich diesen Titel höre, verbinde ich damit sofort etwas… Ich weiß gar nicht, wie ich das auf Englisch ausdrücken soll.
Diva Satanica:
Etwas Düsteres?
Tobias:
Ja, genau. Der Titel wirkt düster und lässt viel Raum für Interpretation. Gibt es einen besonderen Grund, warum ihr “Sons Of The Abandoned” nicht nur als Songtitel, sondern auch als Albumtitel gewählt habt? Gibt es eine Verbindung oder eine tiefere Bedeutung dahinter?
Diva Satanica:
Ja, absolut. Während wir mehr Musik geschrieben haben und ich immer mehr Texte verfasst habe, haben wir gemerkt, dass viele Themen miteinander verbunden sind. Am Ende führte uns das zu diesem Gefühl einer Art generationsbedingten Entfremdung.
Zum Beispiel fühlen sich viele Bands unserer Generation in der Musikindustrie ein Stück weit verlassen. Wir haben nicht dieselben Voraussetzungen wie frühere Generationen. Heute gibt es Social Media, aber gleichzeitig funktioniert die Industrie längst nicht mehr so wie früher. Damals gingen die Leute zu Konzerten, kauften Alben im Plattenladen, weil sie in einem Musikmagazin über eine neue Band gelesen hatten – alles fühlte sich aufregender an.
Heute werden wir von Veröffentlichungen überflutet. Jeden Tag erscheinen neue Songs und Alben. Es ist unglaublich schwierig, herauszustechen oder etwas wirklich Eigenes zu schaffen. Man fühlt sich manchmal verloren, weil man ständig versucht zu beweisen, dass das, was man macht, einzigartig und hörenswert ist.
Das ist keine Beschwerde – eher ein Versuch zu erklären, wie wir uns mitten in all dem fühlen. Gerade für Bands aus Südeuropa oder mediterranen Ländern ist es schwierig. In der spanischen Underground-Szene zum Beispiel gehen viele Leute zu Konzerten internationaler Bands, unterstützen aber weniger die lokale Szene.
Dabei ist das ein Fehler, denn die neuen Bands sind die Zukunft dieser Szene und der gesamten Industrie. Es ist schade, wenn wir immer nur dieselben Bands aus der Vergangenheit hören, weil sie als die „großen Namen“ gelten. Natürlich sind sie großartig – deshalb existieren wir überhaupt. Aber gleichzeitig gibt es heute viele fantastische Künstler, denen man mehr Aufmerksamkeit schenken könnte.
Und genau daraus entstand dieser Gedanke. Von dort aus verbinden sich dann die anderen Themen des Albums, weil sie alle Teil der Realität sind, in der wir heute leben.
Tobias:
Wir haben nur noch vier Minuten, aber ich hätte noch so viele Fragen. Deshalb greife ich jetzt ein paar heraus, die – denke ich – sowohl für mich als auch für die Leser interessant sind.
Mit Fernando Ribeiro und Laura Guldemond habt ihr zwei spannende Gäste auf dem Album. Ich habe beide schon live gesehen – großartige Künstler. Wie sind diese Zusammenarbeiten entstanden?

Diva Satanica:
Kennengelernt habe ich beide während meiner Zeit bei NERVOSA. Meine erste Tour mit ihnen war gemeinsam mit BURNING WITCHES in Europa. Wir waren ungefähr acht Wochen zusammen unterwegs und gerade als Sängerinnen kommt man natürlich ins Gespräch. Laura hat mir viele interessante Dinge beigebracht. Sie singt schon seit vielen Jahren – eigentlich kenne ich sie sogar noch aus der MySpace-Zeit. Ja, ich bin alt. (lacht)
Ich bin ein großer Fan von ihr. Sie hat eine der beeindruckendsten Stimmen, die ich je gehört habe. Sie kann praktisch alles. Sie hört etwas und kann es sofort nachmachen – das ist ein unglaubliches Talent.
Als wir an ‘The Path That Never Ends’ gearbeitet haben, dachten wir zunächst, dass der Song eher progressiv wirkt. Später hatten wir das Gefühl, dass der Refrain etwas Klassischeres und Melodischeres braucht, um stärker mit den Hörern zu verbinden. Sofort mussten wir an Laura denken, weil sie diese Mischung aus Aggressivität, Kraft und Ausdruck mitbringt. Zum Glück hat sie zugesagt und wir waren unglaublich glücklich darüber.
Bei Fernando war es ähnlich. Während der Tour mit BURNING WITCHES kam er zu einer Show in Portugal und seitdem standen wir immer wieder in Kontakt. Wir sind große Fans von MOONSPELL. BLOODHUNTER kommt aus dem Nordwesten Spaniens, wir teilen kulturell viele Gemeinsamkeiten mit Portugal – da gibt es eine gewisse Nähe.
Als wir die Vorproduktion zu ‘Threshold Of Hell’ gemacht haben, gab es diese schwere Passage und einen Moment, in dem der Song langsamer wird. Wir dachten: Es wäre großartig, hier eine tiefe Stimme zu haben – fast wie eine Ansprache, mit einer autoritären oder diktatorischen Atmosphäre.
Und sofort kam uns Fernando in den Sinn. Für uns ist er eine Art Metal-Gott und wir hatten das Gefühl, er könnte diesem Song genau diese Präsenz verleihen. Also haben wir gefragt – und er war unglaublich freundlich. Er meinte sinngemäß: „Ich mag den Song sehr, Glückwunsch“, und hat zugesagt. Das war fantastisch für uns.
Außerdem fühlt es sich persönlicher an, weil es das erste Mal ist, dass wir mit Künstlern zusammenarbeiten, die wir wirklich kennen. Das schafft eine stärkere Verbindung.
Tobias:
Ich habe Fernando ebenfalls schon mit MOONSPELL in Deutschland gesehen. Er gehört zu diesen Menschen, die eine Bühne komplett ausfüllen können. Er könnte allein dort stehen und würde trotzdem die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das ist ziemlich beeindruckend.
Am Ende frage ich meine Interviewpartner immer, ob es etwas gibt, das ich nicht angesprochen habe, das ihnen aber wichtig ist – oder etwas, das sie den Lesern noch mitgeben möchten. Also sozusagen letzte Worte.
Diva Satanica:
Zunächst einmal finde ich, dass du einen großartigen Job gemacht hast, weil du mir die Möglichkeit gegeben hast, über viele Dinge zu sprechen, die wichtig sind, um zu verstehen, wer wir sind. Wie du gesagt hast: Wir beginnen gerade erst, international stärker wahrgenommen zu werden. Deshalb sind wir sehr dankbar, hier zu sein und über dieses Album sprechen zu dürfen.
Ein großes Dankeschön an alle, die uns die Chance geben, über unsere neue Musik zu reden. Und wir können es kaum erwarten, die neuen Songs live zu spielen.
Wir arbeiten bereits an zukünftigen Tourplänen. Im Juni starten wir mit den ersten Shows in Spanien, wo wir das Album präsentieren werden, unter anderem als Support für CRISIX. Weitere Neuigkeiten folgen, daran arbeiten wir gerade noch.
Wir blicken sehr gespannt auf die Zukunft und hoffen natürlich, euch in Deutschland oder irgendwo anders bald zu sehen. Danke für den Support und an alle, die die neuen Songs hören.
Interview: Tobias Stahl
Photocredits: Beatriz Mariano,
Bloodhunter – https://www.bloodhunter.net/photos

