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ISEGRIM – Debüt neu entfesselt: Roher Hass aus den Tiefen der 90er

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Mit der Wiederveröffentlichung von “Isegrim” kehrt ein lange verschollenes Stück deutscher Black-Metal-Geschichte zurück ans Licht. Ursprünglich 1999 erschienen, gilt das Debüt von ISEGRIM bis heute als roher, kompromissloser Angriff aus einer Zeit, in der es mehr um Atmosphäre und Haltung als um Perfektion ging. Jetzt erscheint das Album erstmals über Fireflash Records auf Vinyl – limitiert, liebevoll aufgemacht und genau so räudig, wie man es in Erinnerung hat. Hinter ISEGRIM steht A. Blackwar, vielen vor allem durch MYSTIC CIRCLE ein Begriff, der aktuell wieder verstärkt aktiv ist. Während MYSTIC CIRCLE in den letzten Jahren mit neuen Releases für Aufmerksamkeit gesorgt haben, rückt nun auch sein früheres Ein-Mann-Projekt wieder in den Fokus.

Wir haben die Gelegenheit genutzt, um mit ihm über die Wiederveröffentlichung, die Entstehung von “Isegrim”, die damalige Szene und mögliche Zukunftspläne zu sprechen.

Tobias:
Hallo A. Blackwar, schön, wieder mit dir zu sprechen – wir hatten uns ja beim “Hexenbrand 1486”-Release im Heaven Records in Worms gesehen. Wie geht es dir aktuell und wie blickst du auf die Resonanz zum letzten MYSTIC CIRCLE-Album zurück?

A. Blackwar:
Hi Tobi, schlechten Menschen geht es immer gut – also perfekt. Danke der Nachfrage. Die Bewertungen des letzten MC-Albums waren unglaublich, damit hätten wir nie gerechnet. Wenn wir alle Punktzahlen in einen Topf werfen, kommen wir auf einen Schnitt von über 80/100 Punkten. Die Arbeit an dem Album hat diese Wertschätzung definitiv verdient, und dein Review wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Tobias:
Mit der Wiederveröffentlichung von “Isegrim” rückt jetzt auch dein früheres Projekt wieder in den Fokus. Wenn man sich das Album heute anhört, fällt sofort auf, wie kompromisslos es loslegt: ‘In Nomine’ baut kurz Spannung auf, bevor ‘Diabolical Witchcraft’ direkt alles niederwalzt. Das knallt ja ohne Vorwarnung rein – war das genau so gewollt?

A. Blackwar:
Ja, auf jeden Fall. Es war auch der erste Song, den ich für ISEGRIM geschrieben habe. Ich wollte bewusst kein komplettes Album machen: vier Songs, hart und schnell, mit kurzen hymnischen Parts. Schlag auf Schlag, ohne dass es langweilig wird. Bis heute ist “Diabolical Witchcraft” noch einer meiner Favoriten.

Tobias:
Bei ‘Rape Jesus Christ’ stechen vor allem diese markanten „Lucifer“-Passagen hervor, die sich sofort festsetzen. Wie wichtig war dir damals diese direkte, fast schon provokative Ausdrucksweise?

A. Blackwar:
Damals wie heute ist Blasphemie ein Teil meiner Lebenseinstellung. Wer mich kennt, weiß, dass der Kult um Luzifer mein absolutes Themengebiet ist und sehr oft in meinen Texten vorkommt. Eine Kerze und das Symbol des Lichtbringers zieren stolz meinen Unterarm.

Die Grundidee kam allerdings 1998 von Ezpharess. Nach einer MC-Probe hat er die ganze Zeit “Rape Me” von Nirvana rumgegrölt und irgendwann schrie er “Rape Jesus Christ”. Ich dachte sofort: Das ist der passende Titel für den Song, an dem ich gerade arbeite. Besonders der Schluss des Songs – schön treibend mit dem Aufsagen der Dämonennamen – wirkt auch heute noch sehr stark. Auf dem kommenden zweiten Longplayer wird der letzte Teil erscheinen: ‘Nazaräer (R.J.C. III)’.

Tobias:
‘Seven Legions’ bringt diesen wuchtigen, marschierenden Charakter rein und vermittelt das Bild einer dämonischen Streitmacht, die alles niederwalzt. Entstehen solche Songs eher aus konkreten Bildern im Kopf oder entwickelt sich das beim Schreiben?

A. Blackwar:
Der Titel ist meist die Grundidee, dazu habe ich dann schon eine kleine Version des Textes im Kopf. Aber meistens fange ich mit Gitarren oder Bass an und danach kommen die Drums. Beim Spielen entstehen dann oft automatisch Teile des Textes, weil ich versuche, direkt dazu mitzusingen.

Tobias:
Mit ‘Hear the Screams of Hell’ bleibt das Tempo hoch, bevor ‘Ave Luciferi’ den Schlussteil einleitet und eine dichtere Atmosphäre schafft. War diese Aufteilung bewusst als dramaturgischer Übergang gedacht?

A. Blackwar:
Ich mag es, wenn viel in einem Song passiert, auch wenn es kein typisches Songwriting ist. Manchmal klingt es dann fast so, als wären es zwei Songs in einem. Lieder, die strikt nach dem Schema Verse, Chorus, Verse, Chorus, Solo, Chorus aufgebaut sind, öden mich schnell an. Auch wenn sie gut sind, kann ich mir so etwas nicht oft anhören. “Mother North” von SATYRICON ist zum Beispiel ein Song, in dem viel passiert – und genau deshalb wird er nie langweilig.

Tobias:
‘Hail Emperor Caesar’ wirkt stellenweise etwas melodischer, zieht dann aber wieder ordentlich an und gehört zu den stärkeren Momenten der Platte. War das damals schon ein Schritt in Richtung mehr Dynamik im Songwriting?

A. Blackwar:
Der Song ist ein Bonus-Track und wurde zwei Jahre später geschrieben. Ich wollte ihn damals nicht auf das Album “Dominus Inferus Ushanas” nehmen. Der Titel und das Feeling passen jetzt aber besser zum Re-Release und frischen das Ganze etwas auf.

Ich denke, die meisten, die sich die Platte holen, kennen die Songs ohnehin schon. Da sind ein oder zwei Bonus-Tracks heutzutage völlig okay. Das Songwriting hat sich auf dem Longplayer im Jahr 2000 schon leicht verändert.

Tobias:
Du hast ISEGRIM Ende der 90er als Ein-Mann-Projekt gestartet. Was hat dich damals dazu bewegt, alles allein umzusetzen, und welche Freiheiten hat dir das gegeben?

A. Blackwar:
Alle Freiheiten. Ich musste keine Kompromisse eingehen und hatte musikalisch die Macht, mehr nach dem zu klingen, wer ich damals war. Es war genau meine Art von Musik – die ich mochte und die eigentlich noch extremer in mir lebte.

Mein größter Fehler war später, für die Live-Shows eine Band zu gründen. Live die Songs zu spielen – etwa beim Summer Breeze oder bei ein paar Shows mit EISREGEN – war natürlich der Hammer. Aber beim zweiten Album ist das Ganze eskaliert: Die Musiker wollten Einfluss auf das Songwriting nehmen, und es war irgendwann nicht mehr mit ISEGRIM zu vergleichen.

Nach dem dritten Song habe ich alle Zelte abgebrochen und mich die letzten 20 Jahre wieder mehr in den Black-Metal-Untergrund zurückgezogen – teilweise auch ohne oder unter anderem Namen.

Tobias:
Nach den frühen Releases wurde es lange still um ISEGRIM. Lag das in erster Linie am Fokus auf MYSTIC CIRCLE oder gab es noch andere Gründe für die Pause?

A. Blackwar:
Die lange Pause war auch notwendig. In den letzten fünf Jahren lag der Fokus natürlich auf MC – die drei Platten haben viel Energie gekostet. Da wir uns die nächsten zwei bis drei Jahre voll auf MC-Live-Shows konzentrieren, war jetzt der beste Zeitpunkt für eine ISEGRIM-Vinylversion und ein neues Album, bevor wir Ende 2027 wieder mit MC ins Studio gehen. Heute ist es für mich auch spannend, dieses Gleichgewicht zu haben: das Experimentelle mit Sounds und Effekten bei MC und das gnadenlos ungeschliffene, rohe bei ISEGRIM. Das ist ein gutes Ventil für meine Ideen und Gedanken zur Musikwelt.

Tobias:
Jetzt erscheint das Debüt erneut, inklusive der EP-Tracks von “Gloria Deo, Domino Inferi”. Warum war es dir wichtig, diese Songs in die Wiederveröffentlichung zu integrieren?

A. Blackwar:
Ich bin ehrlich: Ich möchte eigentlich alle meine Songs auch auf Vinyl haben. Aber die zwei Bonus-Tracks werten die Platte auch auf. Für das Geld, das ein Vinyl heutzutage kostet, sollte die Spielzeit einfach passen.

Mein Wunsch war es, das Teil für 19,99 € zu verkaufen. Markus Wosgien und ich hatten aber keine Chance, diesen Preis zu halten – selbst wenn wir schwarzes Vinyl genommen hätten.

Tobias:
Für die Reissue hast du auch die Tracks der “Gloria Deo, Domino Inferi”-EP ergänzt. Gerade ‘Bestial Invasion’ fällt dabei auf – ihr habt den DESTRUCTION-Klassiker komplett durch den Black-Metal-Filter gejagt. Wie kam es zu der Idee, genau diesen Song zu covern?

A. Blackwar:
Ich habe ‘Bestial Invasion’ als junger Metalhead geliebt – genauso wie die Art, wie Schmier singt. Damals gab es auch noch keine Coverversion mit richtig fettem Sound. Eigentlich war geplant, dass Schmier und ich den Song als Duett singen. Leider kam er an dem Tag, an dem wir den Gesang aufnehmen wollten, gerade von einer Tour zurück und war total platt. DESTRUCTION haben den Song später selbst noch einmal neu aufgenommen – und das ist ein totales Brett geworden.

Tobias:
Deine Version klingt deutlich roher und aggressiver als das Original und fügt sich nahtlos ins Album ein. War das von Anfang an das Ziel – den Song in die ISEGRIM-Welt zu übertragen?

A. Blackwar:
Für mich waren DESTRUCTION in den 80ern die totalen Nietengötter. Das “Sentence of Death”-Albumcover ist bis heute ein absoluter Killer!

Und ja, Kvehlor war ein Mega-Gitarrist bei ISEGRIM. Mit ihm konnte ich den Song endlich so umsetzen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Wenn ich heute noch einmal eine Coverversion aufnehmen würde, dann wäre es ‘Give Me Fire’ von G.B.H.

Tobias:
Man hört die kühlen Einflüsse der schwedischen BM-Szene auf der Platte heraus. Welche Bands oder Releases haben dich in dieser Phase besonders geprägt?

A. Blackwar:
Ganz klar: DARK FUNERAL, MARDUK und NECROPHOBIC.

Tobias:
Die Vinyl-Version kommt ziemlich aufwendig daher – Red Marbled, limitiert auf 300 Stück, dazu Insert und signierte Karte. Gerade im Black Metal hat Vinyl nochmal einen eigenen Stellenwert. War für dich von Anfang an klar, dass “Isegrim” unbedingt auf LP neu aufgelegt werden muss?

A. Blackwar:
Die Platte war früher nur als Picture-LP erhältlich, mit einem Livebild von mir aus dem Schwimmbad Club in Heidelberg auf der Vorderseite und einer Zeichnung vom siebenköpfigen Drachen auf der Rückseite. Ich mag das Albumcover sehr und mir war wichtig, es nach so vielen Jahren als Vinyl noch einmal zu präsentieren. Layouts kommen bei mir immer aus eigener Hand. Ich hatte das gemalte Cover noch in meiner Posterrolle. Nur das Backfoto war lange verschollen. Irgendwann im Dezember 2025 fiel mir dann ein: Das war doch die Limburg! Also bin ich ins Auto gestiegen und habe ein neues Foto gemacht. Der Unterschied zur CD-Version von 1999 ist jetzt, dass es an dem Tag geschneit hat – und das sieht man schön auf der Vinylversion. Die Fotos und Bilder der CD habe ich einfach in das Insert bzw. den History-Flyer der LP gepackt. Mir war es auch wichtig, eine Autogrammkarte beizulegen. Die ISEGRIM-CDs sind inzwischen echte Liebhaberstücke und nur selten bei eBay zu finden. Das ist also ein kleines Dankeschön – auch wenn es taube Finger beim Signieren bedeutet hat.

Tobias:
Für 2027 ist bereits neues Material angekündigt. Kannst du dazu schon etwas sagen?

A. Blackwar:
Ich bin gerade im Studio und nehme acht Songs für das Album auf. Auf dem Cover wird eine schöne Darstellung Luzifers zu sehen sein, mit einem gewaltigen Hintergrund aus Himmel und Hölle. Ich selbst habe es allerdings noch nicht gesehen, weil ich das Cover gerade zeichnen lasse. Die Songs werden unterschiedlich sein. Viele Kollegen sprechen mich darauf an, dass ich wieder mehr in Richtung des ISEGRIM-Debüts gehen soll. Dieses Feedback ist wichtig für mich. Zwei Songs auf dem Album passen vom Material her komplett zum Mini-Album.

Auch wenn das Album nicht nur aus Blastbeats besteht, wird es trotzdem klar nach ISEGRIM klingen. CD und Vinyl werden über Fireflash erscheinen. Ob wir eine spezielle Sammleredition machen, ist gut möglich.

Tobias:
Gibt es Überlegungen, ISEGRIM auch live umzusetzen – vielleicht sogar in Verbindung mit MYSTIC CIRCLE?

A. Blackwar:
Nein, darüber denke ich nicht mehr nach.

Tobias:
Decke ich mit meinen Fragen alles Wichtige rund um die Reissue und ISEGRIM ab, oder gibt es noch etwas, das dir besonders am Herzen liegt?

A. Blackwar:
ISEGRIM ist mein schwarzes Herz in der Brust – und ich gebe nur kleine Stücke davon ab. Zu viel davon wäre der Tod. Deshalb wird es wieder ein paar Jahre dauern, bis das dritte und letzte Album erscheint.

Tobias:
Vielen Dank für das Interview, A. Blackwar.

A. Blackwar:
Tobi, bleib so wie du bist!
Stay Black, stay Metal.

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Promo, Isegrim Bandcamp