VIOLET Release Party – Stuttgart
VIOLET, JULES, MARKMOON
07. März 2026
Stuttgart, Proton
Dieser Club in Stuttgart, wer den nicht kennt, dürfte den im Vorübergehen auch eher übersehen. Für unsereiner ist er auch eher nicht relevant, eigentlich finden da eher Techno-Events statt. Trotzdem suchen Thomas und ich den Weg dahin, immerhin haben VIOLET zur Releaseparty geladen. Es gibt zu feiern. Vor einer Woche erschien ihre neue EP „Silhouettes„.
Nach einem Döner um die Ecke und dem Überfall auf einen Flohmarktstand voller Bücher machen wir uns denn auf den Weg zum erwähnten Club. Gut versteckt, irgendwie wenig einladend, befindet er sich in einem Winkel am Ende der Einkaufs- und Kulturmeile der Landeshauptstadt. In der folgenden Zeit füllt sich der Laden mit einem Publikum, das sich sonst eher nicht dorthin verirrt. Man bekommt schon vor dem ersten Act einiges zu sehen. Wir entdecken so ziemlich jede Modeverfehlung der letzten vierzig Jahre. Das geht von Frisuren in diversen Toupierstadien bis hin zu Männern höheren Alters, die sich in zu enge Lederhosen gequält haben, die eher an verformte Leberwürste erinnern. Zwei Generationen Fans haben sich versammelt. Wir „Alten“, die ü50er, sammeln sich am Rand, auf den Sitzplätzen. In der Mitte, auf der Freifläche, die Generation unserer Kinder. Junge Frauen und Männer, die wohl zu großen Teilen mit den aufspielenden Musikern bekannt sind. Denen übrigens stehen solche Kleidungsstücke, die an mir sicher eher peinlich wirken würden.
Pünktlich um 19:00 Uhr betritt ein junger Mann die Bühne. Weißes Hemd, kleiner Schnorres, Akustikgitarre, Mikrophon. Sonst nix. Die kleinste Band der Welt. Und er legt los. Eine halbe Stunde hat er. Die nutzt er für eigene Songs. Tatsächlich kleine unterhaltsame Juwelen. Die rocken trotz kleinster Besetzung mehr, als es manche große Band tut. Tolles Gitarrenspiel, kleine, feine Riffs, starke rhythmische Arbeit. Melodien, die man bei Textkenntnis sicher auch gern mitsingt. Vor allem aber beeindruckt mich seine Mundtrompete. Macht er diese Töne wirklich nur mit den Lippen? Wenn ja, da braucht es noch mehr Muskelspannung um den Mund, als wenn man eine echte Trompete bläst.

Schon damit bläst er mich fast weg. Dazu kommen aber auch gut gewählte Coversongs. Würde ernsthaft jemand von einem etwa 20jährigen Queen erwarten und ´Crazy Little Thing Called Love´ oder den guten alten ´Jailhouse Rock´? Aber nicht nur ich bin überzeugt. Selbst die härtesten Metaller vor der Bühne nicken anerkennend. Und Thomas schickt seiner Frau ein Videoschnipsel. Ihre lakonische Antwort. „Bringt ihn gleich mit. Das wär ein guter Schwiegersohn.“
Nach einer kurzen Pause folgt die nächste Überraschung. Die Stuttgarter Sängerin JULES mit ihrer Band bewirbt sich um unsere Gunst. Junge, Junge, was fegt die junge Frau über die Bühne! Was für eine Energie!! Was eine Power! Sie kickt, gestikuliert, tobt! Und singt. Voller Zorn. Voller Leidenschaft.
Ich bin erst irritiert. Die Band scheint nicht komplett. Ich höre Bass und Chöre, sehe sie aber nicht. Doch dieser Gedanke ist schnell vergessen. Die Darbietung ist zu gut, um sich über Backings an dieser Stelle zu ärgern. Dafür sind die Songs viel zu gut. Da ist ein ´FU Song´ gewidmet dem Ex der besten Freundin. Wem möchte man nicht selbst ein kräftiges „FU“ zurufen. ´Butterflies´ der Oma zugedacht, eine schöne, liebevolle Nummer. JULES kann eben nicht nur wütend.

Und ihre Blicke, ihre Gesichtsausdrücke. Manchmal schaut sie so naiv wie Frau Lange vom Infotresen der „Rosenheim Cops“. Das sei hier ausdrücklich positiv gemeint. Dann wieder blitzt der Schalk durch. Oder die Furia. Passend eben zu Songs wie ´Anti Anti-Girl´. Voller Leben, immer in Bewegung. Wenn sie dann, viel zu selten, zur Gitarre greift, dann geht noch mehr die Post ab. Moderner Rock ist das, sehr zeitgemäß, mit einer Punk-Attitude, ohne wirklich Punk Rock zu sein. Dafür erinnert JULES inhaltlich an eine heimische Wiedergängerin von Taylor Swift. Ich denke, unser beiden Töchter könnten Gefallen an der Performance der Böblingerin finden. Ist es in diesem Falle noch gestattet, das Wort Rampensau aus der Mottenkiste zu holen?
Neben uns steht übrigens die stolze Mutter der Sängerin. Die Arme hat lange Jahre wohl einen Sack Flöhe hüten müssen. Von den 12 Songs der Setlist gibt es leider nur fünf auf einer EP. Liebe JULES, für mich sind Songs erst wirklich draußen, wenn sie auf einem physischen Datenträger wie Vinyl oder CD zu finden sind. Streaming findet bei mir ja so gut wie nie statt. Ich bin eben recht altmodisch, ein alter, weißer Mann. Ich verspreche hiermit feierlich, ich würde mir noch mehr Musik von JULES ins Regal stellen.
Jetzt ist der Club ausreichend vorgeheizt für den Headliner, den eigentlichen Grund der Fahrt ins Schwabenländ. Was soll ich sagen, VIOLET waren schon vor einem Jahr ein Jungbrunnen für mich. Und sie sind es heute wieder. Verstärkt mit einer Background-Sängerin, die dann auch das Saxophon übernimmt, lassen es Jamie und ihre Jungs wieder so richtig krachen. Songs vom Debüt bis hin zu Songs von „Silhouettes“, alles ist dabei. Nicht nur ´Arms Around´ verursacht bei mir wieder Gänsehaut und Augenwasser. Gerade die neuen Songs der EP passen sich wunderbar ins Set.

Filip an den Tasten posiert wieder wie ein alter. Aber das ist sowieso eine Kunst. VIOLET geben sich nicht nur musikalisch, auch optisch, wie die breitbeinigen Rockstars der 1980er Jahre. Keine Pose zu ist zu peinlich, alles wird durchgespielt. Jede Geste sitzt, tausendmal schon gezeigt. Aber alles wirkt immer noch spontan. Alle wissen, auf der Bühne und davor, das ist Show. Aber es ist auch Überzeugung. Kaum eine Band liebt und lebt den Melodic Rock so wie VIOLET. Muss man noch mehr sagen?
Ich staune, als es plötzlich heißt „Stuttgart, wollt ihr noch ein letztes Mal mit uns singen“. Wie, geht es schon dem Ende entgegen? Die Uhr schon abgelaufen für heute. Eine Zugabe wird noch erlaubt. Ohne ´Do Ya Do Ya (Wanna Please Me)´ kann es nicht na Hause gehen. Dann ist das Vergnügen auch schon vorbei. Um 23:00 wird der Laden schon für das nächste Event gebraucht. Da sitzt der Zeitdruck im Nacken. Allerdings nicht am Merch. Hier tobt noch eine geraume Zeit das Leben, gehen eine Menge Exemplare der EP über den Tisch.


Und dann geht es auch schon wieder heimwärts. Mit einer Menge Ohrwürmer im Kopf. Und zwanzig Jahre jünger als noch vor ein paar Stunden. Ich zitiere hier noch mal meinen Schwager: „Die Rückkehr der lila Glitzerleggings war eine Zeitreise in meine Jugend“.
Fotos: Thomas Egger


