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OV SULFUR – “Endless” ist extrem persönlich für uns

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OV SULFUR aus Las Vegas gehören zu den spannendsten aufstrebenden Bands im Deathcore. Mit ihrem Debütalbum “The Burden Ov Faith” (2023) schleuderte die Band ein wütendes, zutiefst persönliches Statement in den Blackened-Deathcore-Untergrund – brutal, blasphemisch und emotional verstörend. Drei Jahre später markiert “Endless” ihr zweites Full-Length-Album, das diesen Weg nicht nur fortsetzt, sondern hörbar erweitert. Mehr Dynamik, mehr Atmosphäre, mehr Mut zur Emotion – ohne dabei jemals die rohe Gewalt aus den Augen zu verlieren. 2026 klingen OV SULFUR fokussierter, reifer und zugleich kompromissloser denn je.

Also ist es an der Zeit, mit Chase über ihren Weg, das Debüt, die Entstehung von “Endless” und die Entwicklung zwischen diesen beiden Alben zu sprechen.

OV SULFUR – Line-up:

Ricky Hoover – Vocals
Chase Wilson – Guitars, Vocals
Christian Becker – Guitars
Josh Bearden – Bass
Leviathvn – Drums

Tobias:
Bevor wir in “Endless”, die neuen Songs sowie ihre Brutalität und Emotionalität eintauchen: Wie geht es euch gerade – individuell und als Band?

Chase:
Mir geht es großartig. Ich bereite mich gerade auf unseren Album-Release vor und bin bereit für unsere Tour mit ORBIT CULTURE und ATLAS. Ich war in Vegas ziemlich beschäftigt, seit wir von unserer Tour mit INGESTED zurück sind.

Tobias:
Wie habt ihr die Feiertage verbracht – kurz durchatmen oder steckt ihr noch mitten im Pre-Release-Chaos?

Chase:
Ich hatte keine Zeit, die Feiertage zu feiern, da mich die Band immer ziemlich auf Trab hält. Zum Glück arbeite ich, wenn ich zu Hause bin, in einer Bar, also war es irgendwie so, als hätte ich Neujahr gefeiert. haha

Tobias:
Nehmt uns kurz mit an den Anfang zurück: Wie hat sich OV SULFUR zusammengefunden, und hattet ihr damals schon eine klare Vorstellung davon, wie düster, kompromisslos und persönlich diese Band werden würde?

Chase:
Im Grunde hat alles während der Pandemie angefangen. Ich hatte gerade meine vorherige Band SIGIL verlassen und wollte ein neues Projekt starten. Eine Freundin meldete sich bei mir und schickte mir einen Screenshot von einem Post, den Ricky gemacht hatte, in dem er schrieb, dass er eine Band gründen wolle, und sagte mir, sie hätte ihm eine DM geschickt und mich empfohlen. Ich dachte nur: Ja klar, und ging meinem Tag weiter nach – nur um überrascht zu werden, dass er mir tatsächlich wegen eines Projekts schrieb. Ich hatte keine Ahnung, wie diese Band klingen würde oder wie persönlich die Inhalte werden würden, aber ich wusste, dass es das Potenzial hatte, etwas Großes zu werden.

Tobias:
Euer Debüt “The Burden Ov Faith” schlug 2023 hart ein – ein wütendes, konfrontatives Statement gegen Religion, Gewalt und Heuchelei. War dieses Album für euch eher eine kathartische Befreiung oder eine notwendige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit?

Chase:
Das war eher eine kathartische Befreiung für Ricky, da er viel über organisierte Religion zu sagen hatte und darüber, wie sie die Welt auseinanderreißt. Ich selbst habe mich immer sehr offen darüber geäußert, dass organisierte Religion sektenartige Züge hat und dass hinter den Kulissen Dinge passieren, die der Welt schaden – nur vielleicht nicht in dem Ausmaß, in dem Ricky dazu recherchiert hat. Nichtsdestotrotz war es eine intensive Erfahrung, an “Burden” zu arbeiten, und dass es unser erstes Full-Length-Album war, hat in vielerlei Hinsicht den Ton für uns gesetzt.

Tobias:
Viele der Texte auf eurem Debüt und dem kommenden Album wirken extrem nah an realen Erlebnissen. Gab es während des Songwriting-Prozesses Momente, in denen ihr gezögert habt, bestimmte Themen so offen anzusprechen – oder war genau das der Punkt?

Chase:
Ich war schon immer ein ziemlich offener Mensch, aber trotzdem war es schwierig, bestimmte Dinge so offen darzulegen, dass andere sie sehen können. Eigene Erfahrungen oder die eigene Sicht auf diese Erfahrungen offenzulegen, ist keine leichte Aufgabe. Ich bin aber froh, dass wir es getan haben, denn es scheint, als würden sich die Leute wirklich mit vielen unserer Songs – alten wie neuen – verbinden. Das macht mich sehr gespannt darauf, am nächsten Album zu arbeiten, da es eine Möglichkeit ist, angestaute Gefühle und Frustrationen auf eine sehr gesunde Art loszuwerden.

Tobias:
Für viele Hörer sticht ‘Earthen’ als emotionaler Tiefpunkt im besten Sinne hervor. Wie schwierig war es für euch, diesen Song zu schreiben, ihn so ungefiltert aufs Album zu packen und ihn dann mit dem gefühlt weiterführenden ‘Wither’ zu ergänzen?

Chase:
Einen Song wie ‘Earthen’ oder ‘Wither’ zu schreiben, kostet viel Blut, Schweiß, Tränen und Zeit. Das sind reale Erfahrungen, die Ricky und ich gemacht haben, und diese Gefühle in Worte zu fassen oder eine Melodie oder ein Riff zu finden, das diese Emotion trägt, kann eine große Herausforderung sein. Trotzdem haben wir viel Aufmerksamkeit und Absicht in solche Songs gesteckt, um unsere Botschaft klar zu vermitteln. Bei “Endless” sind wir diesen Ansatz bei jedem Song gegangen, um wirklich eine Verbindung zu unseren Fans herzustellen.

Tobias:
Nach dem Debüt hättet ihr problemlos exakt denselben Sound weiterverfolgen können. Wann wurde euch klar, dass “Endless” sich öffnen, weiterentwickeln und vielleicht auch mehr Risiken eingehen musste?

Chase:
Als Band haben wir schon immer mit Elementen außerhalb unserer Komfortzone experimentiert, wie Clean-Gesang und melodiegetriebenen Riffs. Die musikalischen Entscheidungen, die wir für “Endless” getroffen haben, mussten irgendwann kommen, und wir hatten einfach das Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist. Songs zu schreiben, die etwas persönlicher sind und trotzdem die Identität bewahren, die wir mit “Oblivion” und “The Burden Ov Faith” etabliert haben, war uns sehr wichtig. Aber wir mussten Risiken eingehen und dieses Mal etwas überlegter – oder sogar subtiler – vorgehen.

Tobias:
Der Einstieg in “Endless” mit ‘Endless//Godless’ und dem darauffolgenden Dreierpack fühlt sich sehr nach „wir schlagen dir direkt ins Gesicht“ an. Wie wichtig ist euch der Albumfluss und auch die Idee, dass bestimmte Songs live direkt hintereinander gespielt werden können?

Chase:
Der Albumfluss ist für uns ein extrem wichtiger Faktor, vor allem bei einem so vielseitigen Album wie diesem. Jedes Teil passt wie ein Puzzlestück, und wir versuchen, sie an die richtigen Stellen zu setzen, anstatt sie hineinzupressen und zu hoffen, dass es funktioniert. Wir wollten aggressiv und vertraut starten, es in der Mitte mit unserer Ballade etwas herunterfahren, dann mit bösen Black-Metal-Einflüssen zurückkommen und das Album schließlich auf einer sanften Note beenden – mit einem fast unaufgelösten Schimmer von Hoffnung, also dem genauen Gegenteil des Anfangs. Genau diesen Gedanken wollen wir auch in unsere Live-Show einfließen lassen, damit es ein immersives Erlebnis wird.

Tobias:
Auf “Endless” wirken die Übergänge zwischen Growls, Screams und Clean Vocals kontrollierter und organischer. Ist das das Ergebnis akribischer Detailarbeit oder einfach ein natürlicher Schritt in eurer Entwicklung als Band?

Chase:
Ich würde sagen, es ist eine Mischung aus beidem. Wir arbeiten jeden Tag härter daran, bessere Musiker und Performer zu werden, was viel Übung und harte Arbeit erfordert. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir unsere Parts beim Schreiben dieser Songs viel besser geplant haben, anstatt so viele “Deathcore-Clickbait”-Momente wie möglich hineinzupacken. Diese Momente wird es bei uns immer geben, denn das sind unsere Wurzeln, aber sie sind jetzt einfach geschmackvoller umgesetzt.

Tobias:
Zurück zu Songs wie ‘Wither’, in denen ihr eine emotionalere Seite zeigt: Braucht ihr diese emotionalen Gegengewichte, damit die extreme Härte noch stärker wirkt, oder sind diese Songs ein Weg, persönlichen Schmerz zu verarbeiten?

Chase:
‘Wither’ wurde geschrieben, um meine Trauer um meine Großeltern auszudrücken. In meinem Leben sind schon Menschen gestorben, aber niemand war so einflussreich wie die Menschen, die mich großgezogen haben. Als das passiert ist, hatte ich große Schwierigkeiten, wirklich zu trauern und den Schmerz zu verarbeiten. Also habe ich mich dem zugewandt, was ich am besten kenne – der Musik – und konnte diese Erfahrung mit meinen Bandkollegen Ricky und Josh teilen, die zur gleichen Zeit ebenfalls Familienmitglieder verloren hatten. Generell ist so etwas in unserem Genre eher tabu, aber wir wollten dieses Risiko eingehen und unsere Familie ehren. Wir hatten nicht unbedingt vor, dass es eine Single wird, aber wir waren froh, als CENTURY und unser Management diese Idee ins Spiel brachten.

Tobias:
Ihr habt auf beiden Alben starke Gastvokalisten dabei. Wie läuft das bei euch normalerweise ab – schreibt ihr Songs mit bestimmten Stimmen im Kopf oder entstehen Feature-Ideen erst, wenn ein Song bereits fertig ist? Und wie war die Zusammenarbeit mit Josh Davies von INGESTED, Johnny Ciardullo von CARCOSA und Alan Grnja von DISTANT?

Chase:
Wenn wir unsere Alben schreiben, planen wir sie so, als würde Ricky jeden Part selbst übernehmen. Gastvokalisten sind eher ein nachträglicher Gedanke, und wir wählen sie danach aus, welche Stimmung der Song hat und wie gut sie in den jeweiligen Part passen würden. Wir hatten das große Glück, unsere langjährigen Freunde auf diesem Album dabei zu haben, und ich könnte mit den Performances aller nicht glücklicher sein. Jeder Einzelne hat absolut abgeliefert, und ich bin extrem dankbar, dass sie bereit waren, bei diesem Release mitzumachen.

Tobias:
Wenn du “The Burden Ov Faith” und “Endless” heute nebeneinanderlegst, was hat sich für euch am meisten verändert – euer Sound, euer Zugang zu Texten oder eure Denkweise als Band?

Chase:
Alles davon. Beim Schreiben von “Endless” mussten wir wirklich eine Schippe drauflegen und uns selbst herausfordern, TBOF zu übertreffen. Wir haben unsere Denkweise verändert und sind reifer an Entscheidungen herangegangen, haben uns dafür entschieden, subtiler mit unseren Themen umzugehen und Dinge mit Absicht hinzuzufügen – nicht nur, weil es ein cooler Moment wäre. Unser Sound ist vielseitiger geworden, und ich denke, mehr denn je sind wir jetzt in der Lage, viele verschiedene Wege als Band zu erkunden, ohne uns in das typische Deathcore-Klischee einengen zu lassen.

Tobias:
Wie ist der aktuelle Stand in Sachen Live-Pläne für Deutschland? Können Fans 2026 mit OV SULFUR-Shows rechnen, oder ist bereits etwas in Arbeit?

Chase:
Wir arbeiten definitiv daran, sehr bald nach Europa zu kommen. Hinter den Kulissen laufen einige Dinge, aber ich kann noch nichts Genaues sagen. Hoffentlich schaffen wir es eher früher als später.

Tobias:
Gibt es etwas über OV SULFUR oder “Endless”, das wir noch nicht angesprochen haben, das dir aber musikalisch, textlich oder persönlich besonders wichtig erscheint?

Chase:
Dieses Album ist für die Jungs und mich sehr persönlich. Wir haben unglaublich viel in diese Platte investiert und uns voll und ganz darauf konzentriert, die bestmögliche Version unseres Sounds zu veröffentlichen. Ich hoffe, dass die Leute es genießen, eine Verbindung dazu aufbauen und die Botschaft, die “Endless” vermittelt, wirklich aufnehmen.

Tobias:
Und zum Schluss: Hast du ein paar Worte für die Leser von OBLIVEON – vielleicht mit einem Blick auf die Extreme-Metal-Szene oder darauf, was 2026 für OV SULFUR bereithält?

Chase:
Wir hoffen, dieses Jahr in Sachen Touren direkt durchzustarten, also kommt zu einer Show in eurer Nähe. Europa, wir versuchen so schnell wie möglich zu euch zu kommen – habt also noch ein bisschen Geduld, und ich verspreche, wir machen es mehr als wett, sobald wir über den großen Teich kommen.

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Anable DFlux