Du betrachtest gerade AMORPHIS  – Tanzen mit “Borderland” zwischen den Welten

AMORPHIS  – Tanzen mit “Borderland” zwischen den Welten

  • Beitrags-Autor:

Seit über drei Jahrzehnten stehen AMORPHIS für musikalische Wandlung, Tiefgang und nordische Klangpoesie. Mit jedem neuen Album haben die Finnen ihre Soundlandschaft erweitert, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen – irgendwo zwischen Melancholie und Metal, zwischen Mythos und Moderne. Mit ihrem 15. Studioalbum “Borderland” betreten AMORPHIS eine neue Ära. Die Vorab-Singles lassen bereits erahnen, dass sich das Klangbild weiter geöffnet hat – melodischer, mutiger, vielschichtiger. Doch welche Grenzen werden aufgebrochen, was steckt hinter dem Titel, den Songs, den Texten? Und wie viel Finnland, wie viel Mythos, wie viel persönliche Erfahrung steckt in der neuen Musik?

Ich hatte die Gelegenheit, mit Santeri Kallio und Tomi Koivusaari ausführlich über das neue Werk zu sprechen. Entstanden ist ein ehrliches, tiefgründiges und sehr unterhaltsames Gespräch – über musikalische Neuanfänge, dunkle Winter, spirituelle Übergänge, emotionale Bühnenmomente und einen gewissen … ‘Dancing Disco Tiger’.

Tobias: Wir sind heute hier, um über “Borderland” zu sprechen. Ich hatte schon das Vergnügen, das Album ein paar Mal zu hören – und ich muss sagen, es unterscheidet sich doch ziemlich deutlich von “Halo”, eurem letzten Studioalbum. Ich schreibe übrigens für das deutsche Onlinemagazin Obliveon – vielleicht habt ihr ja schon mal davon gehört? Gibt’s seit 1998, also eine echte Institution in der Szene.

Bald kommt euer 15. Studioalbum “Borderland” raus. Die Überschrift dazu lautete: “AMORPHIS betreten mit Studioalbum Nummer 15 eine neue Ära: “Borderland”. Das ist natürlich eine starke Aussage – aber eure Vorab-Singles ‘Bones’.  und ‘Light And Shadow’ (Anmerkung des Autors: Das Interview fand vor dem Release von ‘Dancing Tiger’ statt) stützen die ja auch ziemlich gut. Daher gleich meine erste Frage:

In welcher Weise sprengt “Borderland” musikalische Grenzen im Vergleich zu dem, was AMORPHIS bis inklusive“Halo” gemacht haben?

Santeri Kallio: Gute Frage! Ich finde es ehrlich gesagt gar nicht so einfach, alles miteinander zu vergleichen – aber wenn wir mal “Halo” als Referenz nehmen: Wir haben ja drei Alben zusammen mit Jens Bogren gemacht, dem schwedischen Produzenten – und ich sehe diese drei Werke fast als eine Art Trilogie. Das war eine bestimmte Phase in unserer Bandgeschichte. Mit “Halo” haben wir diese Ära abgeschlossen. Das Album ist ziemlich progressiv, hat viel Heavy-Metal-Riffing – ich würde sogar sagen, es ist vielleicht unser härtestes Album überhaupt. Sehr aggressiv, sehr intensiv.

“Borderland” dagegen – du hast es ja schon gehört – zeigt eine ganz andere, deutlich melodischere Seite von uns. Der Stil ist auch viel direkter. Es gibt viele groovige Momente, ein Song hat sogar fast eine Disco-Vibe. Ich glaube, in irgendeinem Pressetext hieß es auch, dass “Borderland” keine Fortsetzung von “Halo” ist – und das stimmt absolut. Schon bei den ersten Demos hat man gemerkt, dass jeder von uns eher melodischere und strukturiertere Songs geschrieben hat – ganz unbewusst, einfach aus dem Bauch heraus. Wahrscheinlich war da einfach das innere Bedürfnis, nach “Halo” wieder mehr Melodie, mehr Struktur einzubringen. Wir wollten gar nicht da weitermachen, wo wir aufgehört hatten. Stattdessen ging es uns darum, unseren Sound weiterzuentwickeln, neue Richtungen zu entdecken – vor allem auch deshalb, weil wir schon so lange dabei sind.“Borderland” ist immerhin unser 15. Studioalbum.

Santeri Kallio

Tobias: Ja – stimmt! Ich hab’s eben falsch gesagt, es hat sich nach 50 angehört – es ist natürlich das fünfzehnte Album. Dieses englische th…

Santeri Kallio: Kein Problem. (lacht)
Also, an diesem Punkt unserer Karriere – wir sind mittlerweile alle um die 50 –  haben wir schon viele starke Alben gemacht … zumindest sehe ich das so. Es ist gar nicht so einfach, den eigenen Sound wirklich zu erneuern. Aber ich glaube, diesmal ist es uns gelungen. Wir haben auch den Produzenten gewechselt – das ist ein großer Schritt, denn ein Produzent, im Fall von “Borderland” ist das Jacob Hansen, beeinflusst am Ende massiv, wie eine Band klingt. Ich finde, “Borderland” klingt tatsächlich nach etwas Neuem. Was genau das ist, kann jetzt noch keiner sagen – aber es fühlt sich an wie der Beginn einer neuen Ära für AMORPHIS. Was daraus letztlich wird, das wird die Zeit zeigen.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie die Leute darauf reagieren – denn ehrlich gesagt, wir haben das Album bislang kaum jemandem vorgespielt. Ein paar Journalisten haben es schon gehört, auch ein paar Meinungen abgegeben. Was mich wirklich interessiert, ist das Feedback vom “echten” Publikum – den Leuten, die AMORPHIS schon lange begleiten. Wie sie das neue Album aufnehmen werden. Aber wir sind echt stolz auf “Borderland”, weil es eben kein bloßes “Weiter so”-Album ist. Es ist etwas Neues.

Tobias: Ich muss zugeben: Ich gehöre nicht zu den Leuten, die AMORPHIS schon von Anfang an verfolgt haben. Aber ich hab mir vor Kurzem die Compilation mit euren frühen Jahren geholt – und der Unterschied zwischen damals und heute ist schon ziemlich deutlich.

In meiner Rezension habe ich am Ende sinngemäß geschrieben:

“Es ist ein wohlbekannter Sound – unverkennbar AMORPHIS – und gleichzeitig fühlt es sich an, als würde man in vertraute Gewässer eintauchen, dabei aber Regionen erkunden, die man noch nie zuvor gehört hat.”

Das war mein Eindruck. Ich weiß nicht, ob ihr sagen würdet: “Ja, das trifft es ganz gut”, oder ob ihr es anders beschreiben würdet. Aber mir gefällt das Album wirklich sehr – und ich freue mich riesig darauf, euch mit Arch Enemy in Frankfurt live zu sehen. Ticket ist schon in der Wallet.

Was können die Fans denn ganz konkret von “Borderland” erwarten? Und wie sieht es auf textlicher Ebene aus? Ihr habt ja – wenn ich das richtig verstanden habe – wieder viel mit … äh … der finnischen Kalevala gearbeitet?

Tomi Koivusaari: Ka-le-va-la. (spricht es korrekt aus und grinst)

Tobias: Ja … ich weiß, da habe ich echt noch Nachholbedarf, da stolpert man schon mal über die finnische Aussprache *grin. Also: Was erwartet uns auf lyrischer Ebene bei “Borderland”?

(Tomi und Santeri grinsen)

Tomi Koivusaari

Tomi Koivusaari: Ja, es ist wirklich schwer auszusprechen. (lacht) Wie auch bei vielen früheren Alben stammen die Texte wieder von Pekka Kainulainen. Ich glaube, er hat sich vorab ein bisschen mit Tomi (Joutsen) über mögliche Themen unterhalten. Aber grundsätzlich ist es bei uns so, dass Pekka seine Texte unabhängig von der Musik schreibt. Musik und Texte entstehen also erstmal getrennt voneinander.
Später wählt dann meistens Tomi, welcher Text zu welchem Song passt.

Pekka hat uns erzählt, dass viele Texte dieses Mal sehr persönliche Erfahrungen widerspiegeln – es geht um Leben und Tod, um Gegensätze im Leben. Und wie immer bei ihm gibt es nie nur Schwarz oder Weiß – es sind immer Zwischentöne dabei. Wenn es etwas Gutes gibt, ist auch etwas Schlechtes nicht weit – und umgekehrt. Wenn man ein zentrales Thema auf dem Album finden will, dann vielleicht dieses Spannungsverhältnis der Gegensätze. Aber es ist kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne. Es basiert auf Pekkas persönlicher Sicht auf die Welt. Und weil wir selbst die Texte nicht schreiben, können wir natürlich nicht bei jeder Zeile genau sagen, was er damit meint. 

Aber die Welt, die er aufmacht, erinnert schon an die Atmosphäre der Kalevala, mit der wir ja früher öfter gearbeitet haben. Es geht um die großen Themen des Lebens – um grundlegende Ängste, um Glauben, um alltägliche Erfahrungen, die jeder Mensch irgendwann macht.

Tobias: Was mir beim Hören aber wirklich aufgefallen ist: “Borderland”, worüber wir ja schon gesprochen haben, scheint nicht nur musikalische Grenzen zu verschieben, sondern auch inhaltlich. Für mich fühlt es sich an, als ginge es im Album auch um die Grenzen zwischen Leben und Tod – diese Übergänge, diese Schwellen. Ist das richtig? Ihr singt ja oft über diese Grenze zwischen Leben und Tod … oder?

Santeri Kallio: Ja, ich denke, da liegst du nicht falsch. Ehrlich gesagt sehe ich “Borderland” ebenfalls als eine Art Grenze – zwischen der spirituellen und der realen Welt. Und auch als Kommunikation zwischen diesen beiden Ebenen. 

Auf dem Albumcover ist ja dieser Fluss (Tuonela, Anm d. A.) abgebildet – und für mich steht er sinnbildlich für genau diese Grenze: zwischen Leben und Tod, zwischen dem Spirituellen und der greifbaren Realität. Diese beiden Welten stehen in Verbindung, sie beeinflussen sich gegenseitig, sie interagieren. In den Texten gibt es viele traumhafte, mystische Landschaften, durch die die Hauptfigur der Songs geführt wird. Es ist eine Art Kommunikation – zwischen Natur, Geistern, der Unterwelt … du weißt, was ich meine. Der Titel “Borderland” passt deshalb sehr gut, weil viele der Texte genau dieses Wechselspiel beschreiben. Figuren aus der Unterwelt treffen auf Figuren aus der realen Welt – und oft ist der Protagonist genau dieser “real world character”, der sich zwischen den Welten bewegt.

Tobias: Als ich das Cover-Artwork gesehen habe, fiel mir auf, dass dort ein Lebender und ein Toter auf einer Brücke stehen – kurz davor, sich die Hand zu reichen. War das die Idee hinter dieser Verbindung zwischen der spirituellen Welt und den Lebenden?

Santeri Kallio: Absolut. Genau das ist auch der Dialog, der sich durch viele Songs des Albums zieht. Diese Verbindung – dieser Austausch – lässt sich auch als ein Dialog zwischen dem menschlichen Geist und der Natur lesen.

Diese Themen sind auch in der Kalevala sehr präsent, dem finnischen Nationalepos, das wir ja öfter als Inspirationsquelle nutzen. Tomi hat im Zusammenhang mit dem Album auch oft darüber gesprochen, in welchem Zustand sich die Welt heute befindet. Wie wir leben – und wie wir dabei viele alte Gedanken, Regeln und Weisheiten vergessen haben. Aber: Sie sind noch da. Irgendwo im Hintergrund existieren sie weiter. Und in bestimmten Momenten im Leben begegnet man ihnen wieder – dann muss man sich mit ihnen auseinandersetzen, ihnen zuhören, mit ihnen in den Dialog treten.

Tobias:  Wenn wir schon über das Cover sprechen – was hat es eigentlich mit dem Schwan auf sich? Ich habe irgendwo gelesen – ich weiß den Namen leider nicht mehr genau – aber da war ein Krieger, der gegen diesen Schwan gekämpft hat … und den Kampf verloren hat. Wie passt dieser Schwan in das Artwork? Was hat es damit auf sich?

Tomi Koivusaari:
Nun ja, es gibt da den Fluss Tuonela, sagt dir das was?

Tobias: Ja. (nickt)

Tomi Koivusaari: Er steht in der Mythologie für den Grenzfluss zur Unterwelt – also wieder diese Idee von “Borderland”. Auf der einen Seite die Welt der Lebenden, auf der anderen die Unterwelt. Und genau in diesem Fluss lebt in den alten Mythen ein Schwan.

Santeri Kallio (ergänzt):  … ja, der Schwan gehört definitiv zur Mythologie dieses Flusses. In den alten Legenden ist er eine zentrale Figur – vielleicht kann man sagen, er stellt die Verbindung dar. Also ein Wesen, das die Kommunikation zwischen den beiden Welten ermöglicht. Und – das ist ein ganz netter Zufall: Der Nachname unseres Sängers, Joutsen, bedeutet auf Finnisch ebenfalls “Schwan“. Vielleicht kann man also ein bisschen “spinnen“ und sagen: Der Schwan auf dem Cover ist unser Sänger – der die Geschichten zwischen den Welten erzählt.

Tomi (scherzhaft):
Dann müsste er sich aber auch wie ein Schwan anziehen – bei unseren Konzerten!

Santeri Kallio (lacht): Warum eigentlich nicht? Er heißt ja schließlich so! Das hätte was – so ein richtig dramatischer Auftritt, wie bei Peter Gabriel früher – schön „proggy“ und extravagant.

Tobias: Ich wäre sofort dafür! Wenn er auf einer Seilbahn als Schwan verkleidet auf die Bühne einschwebt – das wäre ein epischer Effekt. Ich werde in Frankfurt ganz genau hinschauen – mal sehen, ob ihr das wirklich umgesetzt habt!

Santeri Kallio: (lacht) Ja, wer weiß … wir behalten das mal im Hinterkopf.

Tobias: Zurück zur Musik (grinst):
Die beiden bisherigen Singles, ‘Bones’ und ‚Light And Shadow’, sind ja ziemlich unterschiedlich. ‘Bones’ ist richtig roh, fast schon brutal – während ‘Light And Shadow’ ebenfalls wuchtig ist, aber deutlich melodischer klingt. Warum habt ihr ausgerechnet diese beiden Songs als Singles ausgewählt? Repräsentieren sie für euch die Bandbreite von “Borderland” – was die Intensität angeht?

Santeri Kallio: Nun ja, wenn man Singles auswählt, versucht man natürlich, einen kleinen Vorgeschmack darauf zu geben, was das Album insgesamt bereithält. Aber “Borderland” ist so vielfältig, dass zwei Singles das unmöglich komplett abbilden können. Es werden ja auch noch ein paar weitere Singles erscheinen, die wieder ganz anders klingen – Songs mit einem ganz eigenen Charakter. ‚Light And Shadow’ ist zum Beispiel ein eher zugänglicher Song. Er hat eine klare Struktur, atmosphärische Dichte, und auch ein paar frische Elemente, die sich vom typischen AMORPHIS-Sound abheben.

Interessanterweise haben wir die Singles aber gar nicht selbst ausgesucht. Das war eher eine Entscheidung von Plattenfirma und Management. Die haben sich beraten, welche Songs sich am besten eignen – und es gab da viele Optionen. Denn auf dem Album sind einige relativ geradlinige Stücke, die sich gut als Single machen. Bei Singles geht es ja oft darum, Stücke zu wählen, die sofort zünden – bei denen man nicht erst zehn Durchläufe braucht, um zu entscheiden, ob sie funktionieren. Natürlich gibt es auf dem Album auch komplexere Songs, die mehr Zeit brauchen – aber als Einstieg wollten wir was Direktes liefern.

Wenn das Album dann da ist und man es ganz durchhört, kann man tiefer eintauchen – auch in die extremeren, vielschichtigeren Kompositionen. Für mich persönlich war die Wahl von ‚Light And Shadow’ als erste Single überraschend – vielleicht, weil ich dem Song emotional zu nahestehe. Aber das Feedback war bisher sehr gut, und ich sehe jetzt auch: Ja, der Song repräsentiert gut die Richtung, in die wir uns entwickeln. Er bringt was Neues, etwas Unerwartetes, ohne einfach nur den alten Sound zu wiederholen.

‘Bones’ hingegen hat viele klassische AMORPHIS-Elemente, wie wir sie schon lange verwenden – aber auch da gibt es neue Nuancen. Zum Beispiel der Gesang und wie sich der Song im Refrain öffnet – das haben wir in dieser Form vorher noch nie gemacht. Die Idee hinter der Auswahl war also: Songs zu präsentieren, die schnell hängen bleiben, die neugierig machen. So dass die Leute denken: ‘Ah, okay – in diese Richtung geht es.’

Aber klar ist auch: Das ganze Album ist vielschichtiger und hat noch viele andere Ebenen. Und: In zwei, drei Wochen erscheint noch eine weitere Single – mit Musikvideo – und ich glaube, das wird die größte Überraschung. Denn dieser Song ist wirklich sehr untypisch für AMORPHIS.

Tobias: Als ich “Borderland” das erste Mal gehört habe, ging es mir genau so, wie du es beschrieben hast – ich konnte mir nicht sofort eine klare Meinung bilden. Für mich ist das so ein Album, das man mehrfach hören muss – und zwar auf ganz unterschiedliche Arten. Ich hab’s mal bei mittlerer Lautstärke gehört, dann richtig laut, dann wieder leiser, dann mit geschlossenen Augen … und jedes Mal hat es mir eine andere Facette gezeigt. Bei jedem Durchlauf dachte ich: “Wow – das ist eine ganz neue, weitere Art von AMORPHIS, die ich richtig stark finde.” Also ja – auf seine Weise ist “Borderland” einfach richtig großartig.

Santeri Kallio: Schön zu hören! Es gibt so viele Schichten, so viele kleine Details und Melodien – das Album bietet wirklich viel. Es ist toll zu wissen, dass es bei jedem Hördurchgang in einem anderen Setting etwas Neues entfaltet. Das ist für mich ein Zeichen, dass ein Album Tiefe hat – musikalisch wie atmosphärisch.

Tobias: Das kann ich voll bestätigen. Wenn ich “Borderland” höre – genauso übrigens wie Esas Soloalbum – dann sehe ich innerlich sofort Finnland vor mir, obwohl ich noch nie dort war. Aber durch TV-Dokus, Musikvideos, Bilder … da habe ich dieses Bild im Kopf: Raues, nordisches Klima. Stürmische Küsten. Dunkle Wälder. Eine gewisse Melancholie.

Manchmal stelle ich mir vor, wie ihr irgendwo mitten in der Natur sitzt, Inspiration aus der Umgebung zieht – und das dann in die Musik einfließen lasst. Ein Song, der mich besonders gepackt hat, ist ‘Tempest’. Ein emotionales, melancholisches Stück – wieder so ein Fragment der Tiefe, die dieses Album hat. Und die Keyboards darin sind wirklich umwerfend – dein Solo, Santeri, ist für mich ein echtes Highlight!

(Santeri zeigt mit einem breiten Grinsen den Daumen nach oben.)

Meine Frage: Holt ihr euch eure musikalische Inspiration wirklich aus der Natur?

Tomi Koivusaari: Ja, auf jeden Fall. Das sagen wir eigentlich schon seit Jahren:
Die Natur ist eine riesige Inspirationsquelle für uns alle. Es ist zwar schwer, das auf einzelne Takte oder Elemente herunterzubrechen – also zu sagen: ‘Dieser Akkord ist Natur’ – aber der Einfluss ist trotzdem immer da. Er steckt in der Musik, in der Stimmung, in den Melodien … und natürlich auch in den Texten.

Santeri Kallio: Genau. Finnland ist im Grunde ein riesiger Wald. Es gibt so viele Wälder, dass man fast den Überblick verliert. Dazu kommen Tausende Seen, ein Stück Küste, das raue Lappland im Norden – mit extremen Bedingungen im Sommer wie im Winter. Hier ist man ständig von Natur umgeben. Wir leben nicht in New York oder Tokio. Und für uns ist das einfach normal – fast jeder Finne hat irgendwo eine kleine Hütte mitten im Wald. Dorthin fährt man, um dem Lärm der Stadt zu entkommen. Im Sommer, manchmal auch im Winter.

Da draußen gibt es keine Menschen – nur dich, den Wald, einen See, ein paar Tiere, Vögel.
Wenn jemand behauptet, dass Natur keinen Einfluss auf finnische Musiker hat – dann, ganz ehrlich: Der lügt.

Tomi Koivusaari: Und natürlich spielt auch der Winter eine große Rolle – er ist lang, dunkel und zieht sich gefühlt ewig. Man sehnt sich den ganzen Winter über nach dem Sommer. Und wenn er dann endlich da ist, ist er oft viel zu kurz – und plötzlich ist wieder Herbst. Das erzeugt so ein Gefühl von: “Ich muss etwas hinterlassen.” Etwas, das bleibt.

Santeri Kallio: Ja, alle sagen immer: “Der Winter ist so dunkel.” Aber genau das ist auch ein Teil unserer Inspiration – diese typisch finnische Melancholie. Je weiter man in den Norden kommt, desto dunkler wird es – und desto kälter. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum es bei AMORPHIS nicht viele fröhliche Songs gibt. Wir leben in einer Art Gegensätzlichkeit: Im Sommer ist es rund um die Uhr hell, im Winter fast den ganzen Tag dunkel. Das prägt einen als Mensch – und natürlich auch als Musiker. Aber gerade diese Melancholie passt eben perfekt zum Heavy Metal: traurige, kraftvolle, atmosphärische Melodien.

Tobias: Der Titeltrack ‘Borderland’ – ich habe gelesen, dass es darin um eine Vater-Sohn-Beziehung geht, die sich zwischen zwei Welten entfaltet. Also genau diese Verbindung, von der ihr gesprochen habt – zwischen den Lebenden und den Verstorbenen?

Santeri Kallio: Ganz genau. Der Song handelt von der Verbindung zwischen einem Sohn und seinem verstorbenen Vater, der aus der spirituellen Welt erscheint. Es wird nie explizit ausgesprochen – aber man fühlt es. Es ist dieser Moment, in dem Traum und Realität ineinander übergehen. Ob das nun ein Gespräch ist oder eine Art Führung – das bleibt offen. Aber genau darum geht es in dem Stück.

Tobias: Solche Songs sind emotional sehr stark. Wie ist das für euch eigentlich, so etwas live zu spielen? Ich weiß nicht, ob ich über meinen verstorbenen Vater singen könnte, ohne komplett überwältigt zu werden.

Tomi Koivusaari: Live ist das nochmal eine andere Situation. Man konzentriert sich auf den Moment, auf die Verbindung mit dem Publikum – da wird der Song eher ein Teil des gemeinsamen Erlebnisses. Wenn man allein im Proberaum sitzt und das Stück spielt – ja, dann kann das schon sehr nah gehen. Aber auf der Bühne zählt vor allem dieses Gefühl, gemeinsam mit den Fans etwas zu erleben.

Santeri Kallio: Genau. Einige von uns haben auch Eltern verloren, und natürlich gibt es Songs, mit denen wir eine persönliche Verbindung haben. Aber live ist es eben eine Performance – da fokussiert man sich auf die Show. Und wenn dann doch mal Emotionen hochkommen – warum nicht? Es ist menschlich. Man weiß nie, wann einen etwas trifft. Manchmal reicht schon ein kleiner Moment – wie wenn jemand deinen Song beim Karaoke singt – und plötzlich ist alles da. Wir haben viele dieser Stücke schon hunderte Male gespielt. Sie leben in uns. Aber sie können trotzdem immer wieder etwas Neues auslösen. Und das ist völlig okay.

Tobias: Da stimme ich dir zu. Man sieht diese Emotionen ja auch im Publikum – manchmal kommt da was rüber, was sofort auf der Bühne ankommt. Das ist etwas sehr Schönes und wenn das auch die Musiker überwältigt ist das doch toll – wir sind alle Menschen, haben alle Gefühle und Emotionen.

Tomi – du hast über den letzten Song Despair gesprochen und gesagt: ‘Wenn Filme oft mit Hoffnung enden, dann ist ‘Despair’ irgendwie das Gegenteil’, der Song schließt das Album ab – also ohne ‘Happy End’ und mit der Message “We are all doomed”?

Tomi Koivusaari (lacht): Ja … also: Ich glaube, AMORPHIS-Songs waren noch nie wirklich fröhlich. Aber innerhalb unseres Kosmos klingt das neue Album trotzdem frisch und kraftvoll. ‘Despair’ ist für mich eher ein klassischer, “alter”AMORPHIS-Song – er bringt uns zurück in diese melancholische Welt, aus der wir kommen.  Und ja … man könnte schon sagen, dass er ein bisschen andeutet: “Wir sind alle verdammt.”

Tobias: Diese eine Zeile hat mich einfach nicht losgelassen. Ich musste dich fragen, was du damit genau meinst.

Santeri Kallio: Wir haben immer versucht, das Album mit einem besonders starken Song abzuschließen. Etwas, das einen nicht loslässt. Etwas Melancholisches, das einen zurückwirft – oder sogar motiviert, das Album direkt nochmal von vorne zu hören. Diese emotionale Schwere am Schluss wirkt fast wie ein Sog – und dann landet man wieder bei den aufhellenderen Momenten zu Beginn. So entsteht ein Kreislauf – ein emotionaler Bogen.

Tobias: Apropos Kontrast – auf dem Album gibt’s ja auch einen Song mit dem Working Title “Dancing … Dancing …

Santeri Kallio (lacht): Disco Tiger!

Tobias (lacht): Genau – Dancing Disco Tiger! Spielt ihr den Song live? Sagt ihr dann dem Publikum: “Jetzt könnt ihr tanzen”?

Santeri Kallio: Ja, auch Metalheads tanzen gerne, aber, nein, wir sagen niemandem, was er tun soll. Aber wenn jemand tanzen will – soll er’s machen! Disco Tiger war einer von mehreren Songs, die wir ausprobiert haben. Manchmal schaffen es solche Tracks auf ein Album, manchmal nicht. Schon auf “Eclipse” hatten wir mal einen Song mit so einem Disco-Chorus – das war damals total neu für uns. Aber dieser Beat – der steckt irgendwie schon lange in uns drin. Vielleicht ist das hier einfach die extreme Variante. Und ja – wir werden den Song live spielen. Wenn er ankommt – super! Und wenn nicht … dann eben nicht.

Tomi Koivusaari (lachend): Also: Packt eure Dancing Shoes ein!

(Alle lachen)

Tobias: Später dieses Jahr seid ihr mit Arch Enemy und Gatecreeper auf Tour. Wird’s nächstes Jahr auch eine eigene Headliner-Tour geben, bei der man AMORPHIS in voller Länge erleben kann?

Tomi Koivusaari: Ja, auf jeden Fall! Für 2026 ist eine große Headliner-Tour geplant – die Vorbereitungen laufen bereits.

Santeri Kallio: Der Sommer 2026 ist schon fast durchgeplant. Im Herbst geht’s dann auf große Europa-Tour – unser eigener Headliner-Run. Und davor schauen wir uns vielleicht noch nach Asien, vielleicht Japan, vielleicht sogar eine Karibik-Kreuzfahrt. 2026 wird auf jeden Fall ein starkes Jahr für AMORPHIS.

Tobias: Das freut mich riesig – denn im Oktober oder November sehe ich euch zum allerersten Mal live.

Damit endete das Interview abrupt.
Kurz danach war die Zeit aufgebraucht, Zoom kappte die Verbindung – aber ich habe mich später noch per Instagram bedankt: Für ein ehrliches, intensives und unterhaltsames Gespräch.

Wir dürfen uns freuen – auf ein vielschichtiges neues Album, auf große Tourneen und auf die AMORPHIS-Jahre 25/2026 voller Emotionen, Melancholie, Energie –
… und vielleicht sogar einem kleinen Tanz.

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Sam Jamsen