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Specials :: Lyrics in Met ....

Lyrics in Metal & Rock: JUSTIN SULLIVAN (NEW MODEL ARMY)
Musik ist Konsum. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht den Intellekt anzusprechen vermochte. Jenseits komplizierter Rhythmen und notenschwangerer Soli delektieren sich seit Jahrzehnten Legionen Fans an einem nichtsdestotrotz oft vernachlässigten Aspekt populärer Musik: den Songtexten ihrer Favoriten. Nicht selten sind es gerade diese, die aus Sympathie Enthusiasmus werden lassen. Daher widmen sich die Redakteure des obliveon in unserer Kolumne "Lyrics in Metal & Rock" ihren Lieblingstextern. Vorhang auf für...
JUSTIN SULLIVAN

Ende der 80er, Anfang der 90er war Justin Sullivan der Held vieler Jugendlicher. Seine Texte sprachen einer Generation aus der Seele, drückten ihre Sehnsüchte, Aggressionen, inneren Widersprüche aus wie die kaum eines anderen Musikers. New Model Army pflügten mit Alben wie "The Ghost Of Cain", "Thunder And Consolation" oder "The Love Of Hopeless Causes" durch den Underground, ohne je overground anzukommen.

Sullivans Songtexte helfen, diese Krux zu erklären. In der sehenswerten Dokumentation "Between Wolf & Dog" erklärt er selbst den anhaltenden Erfolg Armys in Deutschland mit der zerrissenen Seele der Deutschen, die auf der einen Seite grundehrliche, harte Arbeit schätzten, auf der anderen Seite jedoch eine romantische, poetische Ader in sich trügen. Diese These bezüglich der oben skizzierten inneren Widersprüche beschreibt das Schaffen des Mannes aus Bradford tatsächlich sehr gut. Seine Herkunft aus dieser zutiefst industriell geprägten Stadt mag die Entwicklung seiner Kunst ebenso zu erklären wie die Bedeutung Birminghams für die Entwicklung des Heavy Metal.

Zu Beginn seiner Karriere standen nicht wenige der Lyrics Sullivans für emotional-juvenile, punkige Unmittelbarkeit. Als Beispiel sei der plakative Refrain von "Vengeance" genannt: "I believe in justice, I believe in vengeance, I believe in getting the bastard!" wird mit seiner eingängigen Räudigkeit zu einem der Top 10 Indie-Hits der 80er, ähnlich wie kurz darauf die Hymne "51st State", die letztgültig die politisch-agitatorische Seele Sullivans nach außen kehrte. Wenn man weiß, dass der Text Sullivans spontane Reaktion auf eine Dokumentation über Klaus Barbies und Erich Mengeles zweite Leben in Südamerika reflektiert, erhält der Song eine ungefilterte Wahrhaftigkeit, die erschaudern lässt ‒ und nebenbei eine Ernsthaftigkeit, die eben erst auf den zweiten Blick ersichtlich wird.

Gleichzeitig weiß Sullivan jedoch auch tief in die menschliche Seele hinab zu tauchen und wundervolle, oft jedoch hintergründige Balladen, vordergründig wahlweise als Oden an Landstriche, Geliebte etc. pp. verfasst, zu verfassen. Gerade das von Robert Heaton geschriebene und von ihm eigentlich zunächst abgelehnte "Green & Grey", ein Abgesang auf die ländliche englische Ödnis, wurde zum Signature-Song der Band, der jede Crowd auf ihren Konzerten explodieren lässt. Dabei fußen viele der Texte Sullivans auf der genauen Beobachtung seiner Umwelt, die er gleichsam als für sein Schaffen prägend und wichtig wie auch als bedrohlich wahrnimmt ("Believe It").

"Ghost Of Cain" ist jenes Übergangsalbum, auf dem Sullivans poetische Ader an den Klippen seiner jugendliche Arroganz zu zerschellen droht, eine Gefahr, die sich später auf dem ambivalenten "Purity" erleben und selbstreflektiert nachvollziehen lässt. Aber eben nur "droht"... Die oft verstörende Art, in der Sullivan seine Texte in einer sonoren, oft mit sinistrem Unterton ausgestatteten, Angriffslust vorträgt (die er live optisch mit manischen Blicken untermalt), erklärt sicher auch und nicht zuletzt die glass ceiling, die Army vom Mainstream trennt. Gerade diese Spannung zwischen aggressiver Chuzpe und melancholischer Hoffnungslosigkeit macht die Band aber eben auch so faszinierend. Ein weiterer Widerspruch findet sich in Sullivans Rootstreue, der die widerspenstige Weigerung Armys, die Erfolgsleiter letztgültig zu erklimmen, vielleicht am besten erklärt. Sullivan ist ein zugleich kosmopolitischer (die tief verwurzelte ethnische Experimentierfreudigkeit zeigt sich im perkussiven Charakter vieler früher Army-Kompositonen und insbesondere auf dem letzten Album "Between Dog And Wolf") wie auch zutiefst in seiner Heimat Bradford verwurzelter Künstler, seine (gerade frühen) Texte jedoch versprühen hauptsächlich letzteren Spirit, schütteln den "Smalltown England"-Mief irgendwie nie ab, was sie zugleich aber auch sympathisch und zugänglich macht. Gerade seine Texte ab Mitte der 90er operieren nicht selten auf dieser Basis, zwar hintergründiger als frühere, nie jedoch weniger, sondern eher noch verwirrender, uneindeutiger, stets aber faszinierend.

Justin Sullivan ist der poetische Malocher unter den Textern dieser Welt. Seine durch die bekannteste und mächtigste Zahnlücke der Musikgeschichte (neben den diversen Shane MacGowans) klar und unmissverständlich artikulierten Texte (diesbezüglich auch unbedingt das Akustik-Bootleg "Big Guitars In Little Europe" antesten) stehen für diesen sich optisch wie akustisch manifestierenden Mut zur Hässlichkeit, für die fast schon schmerzvolle Unangepasstheit eines Mannes, der aus dem grauen Einerlei Bradfords immer wieder grüne Landschaften entstehen lässt, ohne dass dabei echte Hoffnung entstünde. Möge er noch lange ebenso unmissverständlich wie mehrdeutig dichten, der dirty old man aus der dirty old town Bradford. Nicht wenige seiner Fans wuchsen mit ihm auf und werden nun mit ihm alt, weswegen er so vielen von ihnen noch immer aus der Seele spricht. Und wer kann das nach beinahe 40 Jahren schon von sich behaupten? Eben...

Nicht unerwähnt bleiben soll hier, dass New Model Army auch im Metal durchaus Spuren hinterlassen haben: bekanntermaßen coverten Sepultura (das klaustrophobisch-paranoide "The Hunt" findet sich bezeichnender Weise auf ihrem ersten experimentellen Album "Chaos A.D.") und Anacrusis ("I Love The World") frühe Hits, und immer mehr Musiker outen sich als Die-hard-Supporter. Recht so!

PS: Meine zehn lyrischen Lieblingstracks:
You Weren´t There
Purity
Green & Grey
51st State
Marrakesh
Better Than Them
Vengeance
Turn Away
Here Comes The War
Between Dog & Wolf
Patrick Müller


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