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WALDSONNE
Wanderer zwischen den Welten
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Waldsonne, alleine der Name dieser russischen (Neo)Folk-Formation aus Moskau verheisst Poesie pur, und wer bereits das Glück hatte den Klängen des Quartetts zu lauschen, wird mühelos eben jene Poesie in den anmutigen und kunstvollen Kompositionen wieder finden. Was sich bereits auf der selbstveröffentlichten Demo-CD „Strahl“ andeutete, verfestigt sich auf dem aktuellen Debüt-Album „Wanderer“ zu einem der spannendsten musikalischen (Neo)Folk-Werke aus dem ehemaligen Ostblock. Die Liebe zur Natur, den alt überlieferten Naturreligionen und ihren Göttern mit all ihren Werten sind dabei die bestimmenden Elemente einer musikalischen Reise, die ihre Wurzeln fraglos im Neofolk besitzt, kompositorisch und spielerisch jedoch weit darüber hinaus reicht. Dass Waldsonne darüber hinaus eine sehr ungewöhnliche Band sind, zeigt alleine die Tatsache, dass ihre Texte sowohl in Russisch, Englisch und Deutsch gehalten sind und ich dieses Interview mit Sängerin Veronika Martynova, die in Hamburg geboren wurde und einen Teil ihrer Kindheit in Wien verbracht hat, per E-Mail in deutscher Sprache führen konnte.
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Vielleicht erst einmal ein paar Informationen über Waldsonne: wann hat ihr die Band gegründet, welche musikalischen Einflüsse habt ihr und habt ihr vorher bereits bei anderen Bands gespielt? Habt ihr neben Waldsonne weitere musikalische Projekte, wo ihr aktiv seid?
>> Waldsonne entstand im Sommer 2004. Frueher waren wir alle bei Neutral taetig – Ilya nahm daran teil ab 1995; ich, Anna und Petr kamen spaeter dazu. 2003 trennten unsere Wege mit ASH und es wurde eine neue Formation gegruendet – Languor. Das Lied “Purpose Wells” wurde zusammen mit unserem Freund, Dichter Michail Bode, aufgenommen. Es erschien 2004 auf der Kompilation “Colors Of Black” von Shadowplay. Kurz danach ging Michail seinen eigenen Weg und wir blieben zu viert. So entstand Waldsonne. Anna ist professionelle Geigerin, fuer alle anderen Teilnehmer ist Musik ein Hobby. Ich habe sieben Jahre klassische Harfe studiert, dann viel spaeter in einer Rockschule Singen gelernt. Petr ist noch bei seinem eigenen Projekt Embrace Of Branches taetig. Ilya ist der aktivste Musiker bei uns – frueher hat er in mehreren Bands gespielt (Death Metal, Post Metal, Metal-Hardcore), zur Zeit hat er zwei eigene Gruppen gegruendet – Rushus (Fusion) und Re-Stoned (Stoner-Rock). Wir haben auch manchmal unserem Freund Wolfsblood (Ritual, Pagan-Folk) bei der Aufnahme seiner Alben geholfen. <<
Warum habt ihr die Band „Waldsonne“ genannt? Was verbindet ihr mit dem Begriff der „Waldsonne“?
>> Dieser Name kam nicht sofort zu uns. Wie ich vorher erwaehnt habe, war es erstmal Languor und stammte von Michail Bode. Nachdem er uns verlies war es uns klar, dass das, wonach wir streben, wenig mit dem Languor-Zustand zu tun hat. Nach den kalten, fernhaltenden, schwermuetigen Zeiten von Neutral wollten wir Freude, Licht und Waerme. Nach komplizierten Bearbeitungen und einem Ueberfluss von Musikinstrumenten verlangte unsere Seele mehr Natuerlichkeit und Leichtigkeit. Sonne wohnt in jedem, wir leben dank ihrer Energie, in erster Linie ist sie Lebenssymbol. Waldsonne ist die Quintessenz der Lebensenergie, der Vereinigung der Energie des Kosmos und der Erde. Ohne Schatten geht’s auch nicht. Aber wir folgen unserem Sonnenstern. <<
Die Einflüsse und Eure konzeptionelle Grundlage sind vor allem die Natur und die Kräfte des Universums, die alten Götter aber auch Runen. Warum diese Rückbesinnung auf diese überlieferten Dinge? Sind diese Dinge etwas, was der Mensch in der heutigen Gesellschaft vermisst? Denkt ihr, dass ein Mensch diese Rückkehr zur Natur und zur Natürlichkeit in der heutigen hoch technologischen Welt überhaupt adäquat finden und dann auch leben kann?
>> Die Gegenwartsmenschen, besonders die Stadtbewohner, leiden massenhaft an maskierter Depression, da sie ihren Kern, ihre allgemeinmenschlichen Wurzeln vergessen haben. Darunter leiden ihre Seelen und Koerper. Auf der Jagd nach truegerischen, unnatuerlichen Zielen fluechten sie votr sich selbst und hoeren die Stimmen ihrer Herzen nicht mehr. Wenn ein Mensch mit sich selbst alleine bleibt, indem er den gewohnten Zivilisationslaerm verlaesst, erschrickt er vor der Leere in sich so stark, dass er sich gleich wieder zurueck in den brodelnden Kessel stuerzt in der Suche nach illusorischen Vergnuegungen und Guetern, anstatt eine Weile zu warten um mit zaghaftem Fluestern seines Wesens belohnt zu werden. Die Natur bringt uns zu unserem “Ich” zurueck, gibt Kraft, fuellt mit Gestalten, Bildern. Je naeher wir zu ihr sind, desto lebensfaehiger und gesunder werden wir. Die alten Goetter und Runen sind einige der wenigen Schluessel zu unseren Quellen, zu unseren Seelen. Wenn wir daran denken, wenden wir uns an unsere inneren Kraefte. Unsere Vorfahren waren viel naeher zur Natur und schoepften Weisheit in ihr, zivilisierte Menschen haetten von ihnen einiges lernen koennen. <<
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Wie versucht ihr selbst in Einklang mit der Natur und den „alten Göttern“ zu leben?
>> In einer Millionenstadt wie Moskau ist es ziemlich schwer, trotzdem, abgesehen davon, dass wir uns doch oefter bemuehen uns auf’s Land zu begeben, halten wir uns an das Jahresrad, wodurch das Leben mehr deutlich wird. Ausserdem beschaeftigen wir uns alle damit, was uns der Natur naeher bringt – mit dem Schaffen. <<
In welcher musikalischen Tradition seht Ihr Waldsonne. Ich denke, dass der Begriff des „Neofolk“ eurer musikalischen Vielfalt bei weitem nicht gerecht wird.
>> Diese Frage ist es sehr schwer eindeutig zu beantworten. Es ist klar, dass wir keine reinen Vertreter des (Neo)Folk sind. Im Press Release zu einem unserer Konzerte benannten wir das Genre als “Forest-Folk”. Die alten Kleidungen sind uns zu eng geworden, wir sind diese ausgewachsen und duersten nach Experimenten. <<
Bevor „Wanderer“ erschien habt ihr mit „Strahl“ eine 4-Track-EP veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen auf diese EP? Habt ihr mit solch guten Reaktionen gerechnet?
>> Wir erhielten viele positiven Stellungnahmen. Ja, wir haben damit gerechnet, da uns unser Werk im grossen und ganzen selbst sehr gut gefiel. Aber so viele Reaktionen… :). Das hat uns wirklich ermuntert. <<
Als Reaktion auf „Strahl“ habt Ihr mit einer Reihe von Plattenfirmen verhandelt, doch niemand wollte euch unter Vertrag nehmen und so habt Ihr „Wanderer“ doch selbst veröffentlicht. Was waren die Gründe, dass es nicht mit einem Vertrag geklappt hat?
>> Zuerst gab es viel Aufregung, aber wir waren leider noch nicht bereit. Als wir dann bereit waren, aenderte sich die Situation bei den Firmen (Geldmangel, Stilistikwechsel usw.). Deswegen bekamen wir Absagen mit Erklaerungen “eure Musik ist super, aber…”. Dann wurde es uns klar, dass wir mit dem CD-Versand und weiterer Erwartung auf die Reaktionen zu viel kostbare Zeit verlieren werden. In dem Moment draengte sich unser Album zur Veroeffentlichung auf, es belaestigte uns in gewissem Masse. Diese Last hielt uns von neuem Schaffen ab. Deswegen veroeffentlichten wir es mit eigenen Kraeften und Unterstuetzung von R.A.I.G. und sind unendlich froh auf dieses vollzogene Ereignis. <<
Ihr habt das Debüt „Wanderer“ genannt. Was verbindet ihr mit diesem Begriff?
>> Hier sind mehrere Bedeutungen: erstens, unsere Musik bringt Bilder verschiedener Landschaften in unsere Phantasie, es ist so, als ob wir die ganze Welt durchwandert und dies in unserer Musik dargestellt haben. Zweitens, wir sind selbst Wanderer, die auf der Suche nach ihrer „Terra Incognita“ sind. Und, drittens, dieses Album, seine Aufnahme, hat mehrmals in verschiedenene Aufnahmeraeume gewechselt. <<
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Eure Texte sind sowohl in Englisch, Deutsch und auch Russisch. Woher stammen deine exzellenten deutschen Sprachkenntnisse? Warum benutzt ihr so viele unterschiedliche Sprachen?
>> Vielen Dank fuer solch hohe Bewertung, obwohl ich in der letzten Zeit mit meiner Deutschkenntnis nicht so zufrieden bin – zu wenig Praxis. Fast mein ganzes Leben war mit deutscher Sprache verbunden – ich bin in Hamburg geboren, dann, mit fünf Jahren, fuhren meine Eltern mit mir nach Oesterreich/Wien. Dort habe ich meine besten drei Jahre verbracht, wir fuhren kreuz und quer durch das Land. Dann zehn Jahre Schule mit deutscher Sprache, Uni fuer Fremdsprachen, Arbeit hier und da, auch bei osterreichischen und deutschen Firmen. So viele Sprachen benutze ich, da ich mich als Weltbuerger wahrnehme. Es ist mit meiner Lebensgeschichte verbunden, ich fuehle mich fast ueberall wohl und passe mich schnell an verschiedene Situationen, Menschen, Laender und Sprachen an. Unsere Musik ist meines Erachtens nicht spezifisch Russisch, deswegen folge ich einfach meinem Gefuehl – hier spuere ich, dass sich Englisch gut eignet, dort – Deutsch und da ist unbedingt Russisch am Platze. Ich kenne auch ein bisschen Schwedisch, fuehle mich wohl mit skandinavischen Sprachen – ich wuerde sie gerne mal auch in unseren kuenftigen Liedern benutzen. <<
Viele eurer Texte handeln von der Natur, aber auch sehr explizit vom Lauf des Lebens. Vor allem ein Lied ist mir da besonders aufgefallen: „Call For The Sun“. Denkt ihr, dass dieses Lied gerade für Menschen aus solchen einem klimatisch sehr kalten und frostigen Land eine ganz andere Bedeutung hat als beispielsweise für einen Mitteleuropäer?
>> “Call for the Sun” ist ein ganz besonderes Lied, muss ich sagen. Mit Klima ist es sehr entfernt verbunden. Was den Lauf des Lebens betrifft, da hast du recht. Dieses Lied verkoerpert unseren Willen zum Leben und Licht. Wir verliessen unsere dunkle Vergangenheit, unsere alten Ideen und Ansichten. Ilya brachte die Musik zur Welt und mir kamen von allen Seiten die Sonnensymbole. Der Text kam sehr schnell und war ganz einfach, da ich das Lied als absolut heidnisch sah. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es unsere Vorfahren singen wuerden, wie sie sich nach der Sonne sehnten. Wenn ich es singe fuehle ich mich total gluecklich, so viel Energie ist in diesem Aufruf. <<
„Durch den Nebel“ ist vom Text her ebenfalls ein sehr schönes Lied. Welches ist die Aussage, die sich hinter dem Text verbirgt? Geht es darum sein Leben in die Hand zu nehmen und sich nicht zu lange vor Entscheidungen zu drücken? Den Nebel zu durchdringen um neue Erkenntnisse zu gewinnen, neue Erfahrungen zu machen?
>> Es liegt mir sehr zu Herzen, dass dieses Lied vielen deutschen Zuhoerern so gefallen hat, dass heisst, das Thema ist aktuell. Der Text kam im Laufe des Jahres bei unserem ersten Auftriit noch als Languor zu mir. Ja, das ist ein Lied ueber Entscheidung, ueber eigene Verantwortung jedes einzelnen Menschen fuer sein Leben, die Rede hier ist auch ueber den Mut neue Kraefte in sich zu finden und weiter zu gehen, wenn auch die Ferne im voelligen Nebel liegt, wenn die innere Sicht unklar bleibt. <<
Verwendet Ihr ganz bewusst keine politischen und/oder sozialen Texte?
>> Keine politischen Texte – von sozialen wuerde ich es nicht eindeutig behaupten. <<
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Ich denke, ihr seid alle noch in einem Alter, wo ihr den Fall des „Eisernen Vorhangs“ bewusst miterlebt habt. Wenn ich überlege, dass noch vor wenigen Jahren dieser Kontakt in den Osten über Myspace kaum denkbar gewesen wäre, haben sich die Zeiten drastisch zum Besseren hin verändert. Was bedeutet die Öffnung Russlands für euch ganz persönlich?
>> Die Umgestaltung war ein sehr starkes Ereignis. Ich wuerde es mit einem maechtigen Windstoss vergleichen, der viel reine Luft gebracht, aber auch alte Konstruktionen umgestuerzt hat. Neue Horizonte wurden sichtbar und spuerbar. Ich war zwölf damals und war sehr froh darauf, da ich unter der sowjetischer Umgebung stark gelitten habe – die Situation verstaerkte sich auch, da ich ein anderes Leben und andere menschliche Verhaeltnisse im Westen gesehen und erlebt hatte. Ja, ich kann einige positive Dinge im “alten” Leben nicht leugnen und viele Menschen sehnen sich danach, aber negative gab’s mehr. Ich werde sie nie vergessen. <<
Ihr kommt aus Russland, das in der jüngeren Zeit mit Bands wie Neutral, Romowe Rikoito, Ritual Front und einigen anderen im Bereich des (Neo)Folk sehr auf sich aufmerksam machen konnte. Habt ihr Kontakt zu den genannten Bands und vielleicht noch weiteren russischen Bands dieses Genres?
>> Wir bleiben in gutem Kontakt mit ASH aus Neutral, mit Musikern von Romowe Rikoito und Kratong und sind gute Freunde von Wolfsblood. Vor kurzem trafen wir uns in Moskau mit Sunset Wings und wuerden gerne mit ihnen zusammen auftreten. <<
Man sagt den Russen eine sehr eigene und sehr spezielle Schwermut nach, die häufig in den Liedern russischer Bands zum Tragen kommt. Denkt ihr, dass die russische Volksseele in dieser Beziehung etwas ausgeprägter ist? Woher kommt diese Schwermut und dieser melancholische Charakter?
>> Ich halte diese Einstellung fuer Mythos, stereotyp. “Russische” Schwermut ist dieselbe wie “deutsche” oder “englische”. In diesem Fall sollte man annehmen, dass solche Musikrichtungen wie Gothik oder Doom erst in Russland erscheinen sollten. Wenn du die Russischen Bands der (Neo)Folk-Szene meinst, dann ist Schwermut ein, sozusagen, Kennzeichen des Genres (das, eigentlich, auch nicht aus Russland stammt). <<
Wie gross ist die (Neo)Folk-Szene in Russland? Wie würdet Ihr Euren Status innerhalb dieser Szene beschreiben?
>> Die (Neo)Folk-Szene hier wird von weniger als zehn Gruppen gebildet. Die Anzahl der Liebhaber dieser Richtung ist sehr gering. Was unseren Status betrifft… lassen wir andere Leute darueber entscheiden. Wir erschaffen Musik. <<
Wie oft tretet ihr live auf? Habt ihr schon Pläne für Konzerte über die russischen Landsgrenzen hinaus?
>> Alle unsere (Neo)Folk-Gruppen treten sehr selten auf, dieselbe Situation ist bei uns – es gibt kaum eine Szene hier. In der letzten Zeit ist es gute Tradition geworden mit auslaendischen Gruppen zusammen aufzutreten. So haben wir mit In Gowan Ring gespielt, voriges Jahr traten Neutral mit Backworld auf, vor kurzem gab’s einen Konzert von Majdanek Waltz, Of the Wand and the Moon und Sonne Hagal. Es ist so, dass das Interesse fuer solche Musik eindeutig viel stäerker im Westen ist, als in Russland. Deswegen wuerden wir gerne ausserhalb Russland auftreten. <<
Habt ihr bereits neue Songs geschrieben?
>> Oh, ja :), nachdem “Wanderer” erschienen ist, treffen wir uns jetzt viel oefter und zaubern was neues. Vor kurzem wurden wir von Brudenia Records eingeladen, an einer Kompilation, die dem Schaffen von T.S. Eliot gewidmet ist, teilzunehmen. Wir haben sehr gute Ideen dazu und es gibt viel Material fuer das neue Album, das wir diesmal in unserem Home-Studio aufnehmen werden.
Möchtet Ihr ein paar letzte Worte an unsere Leser richten?
>> Wir sind froh darüber, dass es Leute gibt, die sich fuer unsere Musik interessieren, denen unsere Ideen nahe sind. Wir wuenschen euch, den sonnigen, hellen Seiten unseres Daseins mehr Aufmerksamkeit zu schenken, seid gluecklich! :) <<
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http://waldsonne.woods.ru / http://www.myspace.com/waldsonnefolk
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Michael Kuhlen
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